Berichte
während des
Kosova - Krieges
vergewaltigter Frauen |
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Titel: „Berichte während des Kosova - Krieges
vergewaltigter Frauen“
Autorin: Luljeta Selimi
Redakteur: Jusuf Iberdemaj
Rezensent: Azem Hajdari und Azem Zogaj
Lektorin: Myrvete Morina
Aus dem Albanischen: Arianit Preçi
Kontakt: Luljeta Selimi
Tel: +377 (0)44 209651
Web: luljeta_s@hotmail.com
Anstelle eines Vorworts
Warum fühle ich mich verpflichtet, die Erzählungen
vergewaltigter Frauen zu veröffentlichen? Einer der Hauptgründe
ist die Tatsache, dass die Wahrheit über dieses äußerst
schmerzvolle und heikle Kapitel des letzten Krieges in Kosova bis
jetzt ein Schattendasein geführt hat. Diese Wahrheit, so schmerzhaft
sie auch sein mag, muss den Menschen zugänglich gemacht werden.
Die Wahrheit ist wohl immer schmerzhaft und schwerwiegend, besonders
wenn es um die größte „Wunde“ eines jeden Krieges
geht; um die Vergewaltigungen. Vergewaltigungen finden in jedem Krieg
statt und werden überall als eines der schwerste Kriegsverbrechen
betrachtet. Auch in den letzten drei Balkankriegen haben serbische
Barbaren Verbrechen in Kroatien, Bosnien und zuletzt auch in Kosovo
begangen. Zusätzlich zu den Vertreibungen, Brandstiftungen, Zerstörungen,
Raubzügen, Verschleppungen und Verhaftungen haben sie sich an
Frauen jeden Alters vergangen. Vergewaltigungen sind in jeder Gesellschaft
schwer zu verkraften. Doch besonders in der kosovarischen Gesellschaft
hinterlassen Verbrechen dieser Art unverkennbare Spuren; nicht wohl
auch zuletzt auf Grund eines stark traditionell-konservativ geprägten
Moral- und Wertesystems. Während meiner Feldarbeit habe ich aus
nächster Nähe sehen können, wie schmerzhaft die Erlebnisse
der Frauen waren. Die Erinnerungen an die sexuellen Misshandlungen
belasten auch heute noch Opfer und Angehörige. Menschen aller
Gesellschaftsschichten in Kosova weichen jeder Diskussion um die Vergewaltigungen
aus! Ich verstehe die Kosovaren, die weder darüber sprechen noch
schreiben oder gar etwas unternehmen wollen, um die Vergewaltigungsfälle
aufzuklären. Unverständlich hingegen ist mir das Verhalten
der internationalen Vertreter in Kosova: Trotz der ausreichend finanziellen
Mittel, die ausschließlich zur Aufklärung der Vergewaltigungsdelikte
zur Verfügung gestellt werden, sind keine Unternehmungen angestrebt
worden, um die Schuldigen aufzuspüren. Auch die Vergewaltigungsopfer
erhalten weder psychologische noch medizinische Betreuung. Deswegen
und auch auf Grund des unverantwortlichen Verhaltens derer, die aufgerufen
sind, etwas zu unternehmen, sah ich mich motiviert, die erschütternden
Berichte einiger vergewaltigter Frauen zu veröffentlichen.
Internationale sowie nationale Organisationen verhalten sich, als
ob hier kein Krieg stattgefunden hätte, keine Morde, Brandstiftungen
und Raubzüge, keine Vergewaltigungen; als seien diese Verbrechen
nie passiert. Doch nicht nur das: Sie verschließen die Augen
vor den Vergewaltigungen und verhalten sich so, als hätten die
Vergewaltigungen an einem anderen Ort stattgefunden und nicht hier
vor unseren und aller Welt Augen.
Heute gibt es in Kosova Frauen, die sich nach den erlebten Vergewaltigungen
in einem sehr kritischen geistigen, körperlichen und materiellen
Zustand befinden. Diese Frauen brauchen dringend psychologische, moralische
und materielle Unterstützung. Sie benötigen ständige
ärztliche Behandlung und Aufsicht, doch niemand betreut sie.
Sogar das Haager Tribunal, dessen internationale Vertreterin in Prishtina
„arbeitet“ und deren einzige Aufgabe es ist, die während
des Krieges stattgefundenen Vergewaltigungsfälle aufzuklären,
übersieht die Pflicht zum Handeln. Angesichts dieser Tatsache
erscheint es durchaus erstaunlich, dass viele während des Bosnien-Krieges
vergewaltigte Bosnierinnen vor dem Haager Tribunal ausgesagt haben
oder noch aussagen werden. Diese Möglichkeit zur Aussage muss
auch den albanischen Vergewaltigungsopfern gegeben werden. Auch sie
sollen das Recht wahrnehmen können, die serbischen Kriminellen
vor einer internationalen Judikative zur Rechenschaft zu ziehen. Den
misshandelten Frauen fällt es schwer, gegen ihre Schänder
vorzugehen, doch ihnen muss klar werden, dass Verbrechen nicht verheimlicht
werden dürfen. Ein Vorgehen gegen diese Straftaten dienen letztlich
auch den Opfern selbst, denn auf diesem Wege können sie ihre
Seele entlasten.
Für die Wunden, die die vergewaltigten Frauen mit sich tragen,
müssen sie in erster Linie selbst ein Heilmittel finden. Doch
ihr jetziger physischer und psychischer Zustand kann weit reichende
Folgen haben; umso mehr da es ihnen an der grundlegendsten professionellen
und institutionellen Unterstützung fehlt. Es stellt sich die
Frage, wie ein vergewaltigtes 14-jähriges Mädchen ohne jegliche
Unterstützung wieder zu einem alltäglichen Leben zurückfinden
soll? Wie soll eine junge Frau es verkraften, dass sie auf Grund der
Vergewaltigung von ihrem Verlobten verlassen wurde? Wie kann sich
eine junge Mutter mit dem schrecklichen Schicksal abfinden, dass sie
nach der Vergewaltigung eine Totgeburt erleiden musste und nie wieder
Kinder bekommen kann? Wie kann man eine Mutter heilen, die nicht zu
ihren Kindern zurückkehren kann, weil die Barbaren sie vor den
Augen ihrer Kinder und der ganzen Familie vergewaltigten? Wie sollen
die vergewaltigten Frauen all dies ohne jegliche Unterstützung
durch die kosovarische Gesellschaft verarbeiten? Vielleicht hätte
ich dieses Buch nicht geschrieben, wenn mir eine vergewaltigte Frau
nicht nur von den Misshandlungen berichtet hätte, sondern auch
davon, dass sie daraufhin erniedrigt und zu guter Letzt auch verlassen
wurde. Bei dem Versuch sie zu trösten, flüsterte sie: „Wir,
die vergewaltigt wurden und heute leiden, sind zugleich die Moral
und die Unmoral aller Kosovaren. Auch wenn wir unter den Lebenden
weilen, so fühlen wir uns doch tot. Wenn wir die Straße
entlang gehen, spüren wir die Last der Vergewaltigung, wir sehen
sie in den Augen der Menschen, die vielleicht niemals erahnen werden,
was wir erlebt haben. Wir sind die Wunde und das Leiden jedes Menschen.
Wenn die Menschen lachen, so haben wir das Gefühl, dass sie sich
über unsere Tragödie lustig machen.
Die Last von allem, dass in Kosova aufgebaut wird, drückt auf
uns. Wir sind in diesem Land das Blut, der Staub und die Spucke von
gestern, heute und morgen. Daher muss jemand die Stimme für uns
erheben. Ich sage dir das, weil du das machen kannst, weil du jeden
Tag unsere Wunden verarztest. Unser Schmerz wäre noch größer,
wenn jemand unser Schicksal zur Belustigung oder Gewinn missbrauchen
würde...“
Mit dem Wunsch, dass ihre Wunden und die der anderen ein Appell an
unser aller Gewissen sein soll, berichtete sie mir von den Misshandlungen
durch die serbische Polizei. Wir müssen verstehen, dass die Freiheit
einen hohen Preis hat und dass ein beträchtlicher Teil davon
von den vergewaltigten Frauen gezahlt wurde. Diejenigen, die heute
auf die Gräber dieser Frauen treten (da viele nach den Vergewaltigungen
ermordet und massakriert wurden) oder ihre Tragödien ignorieren
oder gar zur Belustigung heranziehen, sollten sich der Tatsache bewusst
sein, dass diese Frauen der Spiegel und das wahre Gesicht der Kosovaren
sind. Wir müssen begreifen, dass diese Frauen Hilfe, Unterstützung
und tägliche professionelle, ärztliche und institutionelle
Versorgung brauchen. Dieses Buch ist nicht nur ein bescheidener Versuch,
das Interesse an der Aufklärung der Vergewaltigungsfälle
zu wecken; es soll auch ein Appell sein, den Opfern gegenüber
ein angemessenes Verhalten an den Tag zu legen.
Ich werde wohl der verschiedensten Kritik ausgesetzt werden, aber
ich bin überzeugt, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommen muss,
damit sie nicht vergessen wird und das Schreckliche sich nie mehr
wiederholt.
Ich teile den Schmerz mit all meinen Schwestern, denn durch das Wiederaufarbeiten
der bitteren Vergangenheit habe ich ihre Seelen verletzt.
Dafür entschuldige ich mich im Voraus und bitte um Verständnis.
Die Autorin
„Ich habe nicht die Kraft in die Heimat zurückzukehren“
„ – Ich weiß heute noch nicht, wie
viele Tage vergangen sind, seit die serbische Polizei hereingestürmt
kam. Ich hatte solche Angst, aber ich überlebte und uns passierte
nichts. Sie gaben uns drei Minuten, um das Haus zu verlassen und wir
gingen. Als wir in Peja ankamen hielt uns die Polizei zum wiederholten
Male an und die Polizisten verlangten für jede Person 50 DM,
damit sie uns erlaubten unbehelligt nach Albanien zu gehen. Wir hatten
nur 200 DM, waren aber neun Personen. Wer würde davonkommen?
Wen würden sie nicht weiterlassen? Wir fragten uns still, während
mein Vater ihnen das Geld gab und ihnen sagte, dass wir neun Leute
sind. Sie sahen uns an und nachdem sie Mutter und mir die Ringe von
den Fingern nahmen, ließen sie uns passieren. Am Ausgang von
Peja hielt uns eine andere Gruppe von Polizisten an. Auch sie wollten
Geld und hätten uns ansonsten nicht weiter ziehen lassen, hätte
eine Familie aus Gllogjan ihnen nicht 200 DM gegeben. Wir liefen los.
Einige Meter weiter hatte die Polizei die Kolonne, die sich bis zur
Grenze zog, angehalten. Es waren Menschen aus den Ortschaften um Ferizaj,
Suhareka, Rahovec, Prizren, Malisheva und wahrscheinlich auch Gjakova.
Die Polizei ließ niemanden ohne Kontrolle durch, und wir mussten
derweil auf der Straße warten. Es war nicht sehr heiß,
aber dennoch schwer dort zu verharren. Wir hatten weder Wasser noch
etwas Essbares. Die Polizei gestattete es uns nicht weiter zu gehen
oder zurück zu kehren, sie erlaubte uns nicht einmal zu sitzen.
Über elf Stunden lang standen wir da auf den Beinen und aneinander
gelehnt. Die Dunkelheit fiel über das Land, als sich die Kolonne
langsam in Bewegung setzte. Wir waren sehr müde, aber trotzdem
hofften wir es lebendig nach Albanien zu schaffen. Es war ein langer
Weg und es wurde noch schwerer, da ein heftiger Regen einsetzte und
der Morgen sehr kalt war. Die müden Kinder fingen an zu weinen
und die Polizei wurde immer wilder. Wie es schien, waren ihre Kameraden
irgendwo gefallen. Wir hatten noch zwei bis drei Kilometer zur Grenze
und als wir an dem Schlagbaum ankamen, fingen die Polizisten wieder
an uns zu kontrollieren. Sie fassten unsere Körper an, schlugen
die Männer und wollten Geld von ihnen. Doch wir hatten kein Geld.
Als sie anfingen meine 12-jährigen Brüder zu schlagen, entwischte
ich dem Polizisten, der mich festhielt, und schmiss mich über
meinen Bruder. Ich wollte ihm wenigstens einen Hieb abnehmen. Er ist
der einzige Bruder nach neun Schwestern. Der Polizist, der ihn schlug,
zerrte mich an meinen langen Haaren und drehte mich in Richtung des
Hauptpolizisten, der mir in Anwesenheit der Kolonne mit der Spitze
eines Messers die Kleider auszog. In Anwesenheit meines Vaters, meiner
Mutter, meines Ehemannes und meiner Kinder zog er mir alles aus. Die
Kinder weinten laut, aber ihnen erging es nicht besser. Mich zog der
Hauptpolizist zu ihrem improvisierten Unterschlupf in der Nähe
der Strasse. Sie schmissen mich auf den Tisch und fesselten meine
Hände an diesem Tisch, den sie offenbar nur zum Zweck der Vergewaltigung
albanischer Frauen hergerichtet hatten. Als er sich an mir verging,
stieß ich mir den Kopf gegen den Tisch und die serbischen Polizisten
lachten und unterhielten sich, als wären sie bei einem Spektakel
anwesend.
All das konnten meine Verwandten und die ganze Kolonne, die vorbeizog,
sehen. Wie im Traum erinnere ich mich daran, dass sie meiner Familie
befahlen weiter zu laufen. Heute noch höre ich in meinem Kopf
das Echo meiner Mutter, die ohne mich nicht weitergehen wollte. Man
weiß bis heute nicht wo sie geblieben ist. Ich kann mich erinnern,
dass sie mir während der Vergewaltigung mehrmals mit der Gewehrschulterstütze
auf den Kopf schlugen. Ich weiß nicht wer und wie man mich nach
Kukës brachte, aber ich weiß, dass ich dort viele Schreie
hörte und viel Durcheinander wahrnahm. Es gab dort viele Hilferufe
anderer vergewaltigter Frauen. Im Krankenhaus von Tirana lag ich 19
Tage. Sechs Tage lang verbrachte mein Mann an meinem Krankenbett,
aber ich erkannte ihn nicht. Durch die Schläge erlitt ich eine
vorübergehende Amnesie. Aus dem Koma holte mich nur die Stimme
meiner 5-jährigen Tochter, die ständig weinte und schrie,
weil ich nicht mit ihr sprach. Sogar die Ärzte waren überrascht.
Heute besitze ich nicht die Kraft dorthin zurück zu kehren, wo
ich früher mit meinem Mann und meinen Kinder gelebt habe. Ich
kann nicht einmal in meine Heimat zurückkehren, weil mir dazu
die Stärke und der Mut fehlen. Ich schäme mich für
das, was mir widerfahren ist. Hunderte meiner Dorfnachbarn haben es
gesehen. Ich habe das Glück gehabt, dass mein Mann Verständnis
gezeigt hat, aber auch heute noch lebe ich mit zwei Wunden, die nicht
heilen werden. Ich lebe mit der Wunde, die durch den Verlust meiner
Mutter bewirkt wurde, und mit der Wunde der Vergewaltigung, die schlimmer
als der Tod ist.“, sagte D. R. aus einem Dorf nahe Peja am Ende
der Aussage.
“ Das Leben kehrte mir damals den Rücken, heute nehme ich
es nur aus der Ferne wahr“
Bedrija lebt einsam und muss sich jeden Tag abmühen,
um sich das tägliche Brot zu verdienen. Die Wohnung, in der sie
lebt, ist ein provisorisch eingerichtetes Dachgeschoss eines Gebäudes
in dem Prishtiner Stadtteil „Dardania“. Die halb dunkle
Wohnung mit veraltetem Mobiliar, nacktem Fußboden und ein uneingerichteten
Badezimmer ähnelt den veralteten und verfallenen Häusern
in den vielen armen ländlichen Gegenden in Kosova. In einem der
wenigen Schränke, die sie neben dem Bett aufgestellt hat, liegen
ihre wenigen Kleider und einige Bücher. Den größten
Platz räumte sie einigen halb zerrissenen und sehr verdreckte
Fotos ein. Eines der halb verbrannten Fotos ist in einem wertvollen
Rahmen gesteckt worden. Ihr Gesicht, obwohl hübsch, spiegelte
deutlich ihre Traurigkeit wieder. Selbst während eines kurzen
Gespräches, senkte sie ständig den Blick. Während Bedrija
den Bettbezug wegräumte um einen Sitzplatz herzurichten, stöhnte
sie auf und biss sich in die Lippe. Sie setzte sich auf das alte Bett
und schaute mich mit traurigen Augen an. Ohne jegliche Aufforderung
fing sie mit feuchten Augen an, von ihrem Leben und den Geschehnissen
während des Krieges zu berichten: „Siehst du diese Wohnung?
Hier lebe ich seit zwei Jahren. Ich würde mich mit der Armut
und dem alten Mobiliar abfinden, wenn ich weniger Miete zahlen müsste.
Für dieses Loch muss ich jeden Monat 100 DM abstottern. Wenn
kein Regen, fällt sieht es eigentlich gar nicht so schlecht aus.
Aber wenn es regnet muss ich das Bett in die Mitte des Zimmers schieben
und an vier Stellen in diesem Zimmer, falls man das überhaupt
Zimmer nennen kann, muss ich Behälter hinstellen, um das Regenwasser
abzufangen. So war es während des ganzen letzten Winters. Es
ist schwierig sich warm zu halten, wenn die Wohnung Löcher hat
und die Kälte hineinzieht. Aber das ist nicht meine einzige Sorge.
Ich leide nicht wegen der verfallenen Wohnung, oder weil ich mit nur
240 DM zu Recht kommen muss, oder weil ich mit meiner Arbeit als Krankenschwester
zugehäuft bin. Auch die Tatsache, dass es Tage gibt, an denen
ich nur Brot zu essen habe, belastet mich nicht sonderlich. Meine
Sorgen sind groß, sehr groß. Trotzdem muss ich wie alle
anderen meine Pflichten erfüllen. Ich muss arbeiten, leben und
schauspielern, um den Menschen nicht zu ermöglichen sich über
mein Unglück lustig zu machen.“ Sie wollte weiter sprechen,
aber Bedrija bedeckte mit den Händen ihr hübsches Gesicht,
das immer blasser wurde, und sie weinte einige Minuten still vor sich
hin. Ihre geballten, zittrigen Hände versuchte sie zwischen ihren
zittrigen Knien zu verstecken. In dem halb dunklen Zimmer wirkte ihr
Leiden noch schwerer. Ihr Weinen vermittelte das Gefühl, als
sei man wieder in der Zeit des Krieges. Bedrija schaute einige Sekunden
in Richtung des Bilderrahmens, nahm es in die Hand und nach einem
tiefen Atemzug sagte sie: „Siehst du diese Leute? Es sind die
Menschen, die ich am meisten geliebt habe. Mein Vater, meine Mutter,
mein einziger Bruder und ich. Das entstammt aus jenen Tagen, als ich
noch ein Kind war und nicht verstehen konnte was um mich los war;
die Tage als ich mit meinem Bruder Kinderspiele spielte und nicht
verstehen konnte, warum es für meinen Vater wichtig war Nachrichten
zu hören und zu wissen was um uns und mit uns geschah. Er wusste,
dass die nahende Zeit eine schreckliche werden würde, weil der
Krieg unausweichlich war, und er wusste, dass die Freiheit Opfer verlangen
würde und dass man für die Zukunft Vorsorgungen treffen
müsste. Und ich als kleines Kind versuchte glücklich zu
werden mit dem was ich hatte, ohne zu verstehen, dass die Polizisten,
die herumliefen und jeden Tag in unserer Stadt plünderten, eines
Tages diejenigen sein würden, die mir und den Menschen meiner
Stadt unser Glück zerstören würden. Vater sagte uns
manchmal wie im Scherz: Sollte mir oder einem von uns etwas passieren,
müssen die anderen von uns mit der Freiheit, die kommen wird,
weiterleben, denn Freiheit würde Opfer und Blut verlangen. Die
Wurzeln der Freiheit liegen im Blut. Ich empfand diese Worte nur als
Volksweisheit, ohne zu ahnen, dass sie wahre Wegweiser waren, und
ohne zu verstehen, dass diese schrecklichen Tage sehr nahe waren.
Als die Serben die Familie Jasharaj massakrierten, sagte Vater zu
uns: „Das ist es was ich versucht habe euch jahrelang klar zu
machen: Die Serben sind so; um Kosova besetzt zu halten machen sie
alles. Das gleiche Schicksal wird viele weiter kosovarische Familien
ereilen. Bis zum Ende des Krieges wird Kosova viele Heldenfamilien
bekommen und die Freiheit wird sehr viel kosten. Doch die Freiheit
muss um jeden Preis kommen, weil es höchste Zeit ist, dass wir
Kosovaren aufwachen und das Gewehr der Freiheit in die Hand nehmen.“
Da verstand ich, dass Vater die ganze Zeit über einen baldigen
Krieg sprach. Doch ich gestand mir meine Angst nicht ein. Ich konnte
nicht glauben, dass das mir widerfahren würde. Ausgerechnet mir,
die wohl behütet aufgewachsen war. Ich konnte nicht glauben,
dass ich eines Tages mutterseelenallein sein würde...“,
und die Tränen erstickten ihre Worte im Hals. Dieses Mal stand
sie auf, lief im Zimmer erschrocken umher und rieb ihre Hände
an den Beinen.
„Nach dem Massaker von Prekaz verheimlichte Vater nicht mehr,
dass er mit der Befreiungsarmee Kosovas zu tun hatte und dass er mit
ihrem Kommandostab zusammenarbeitete. Manchmal kam er zehn Tage lang
nicht nach Hause. Wenn er dann kam, ließen wir ihn nicht mehr
los, obwohl ich und mein Bruder keine kleinen Kinder mehr waren. Im
September wurde er getötet und eine Welt stürzte für
mich ein. Es war die Hölle. Damals dachte ich, dass es nichts
geben würde was mich noch trauriger machen könnte. Monate
später baten uns Leute der UÇK unser Haus zu verlassen
um an einen sichereren Ort zu gehen, aber Mutter sagte ihnen: „Wir
werden auch hier bleiben und warten, soll mit uns geschehen was mit
ganz Gjakova geschieht“, und wir blieben da. Doch als das Bombardement
anfing und die serbischen Kräfte Leute zu töten begannen,
sagte meine Mutter nichts mehr. Vielleicht fing sie an zu verstehen,
warum wir an einen sichereren Ort ziehen mussten. Am vierten Tag kamen
die serbischen Soldaten in unser Haus und erschossen meine Mutter
und meinen Bruder. Mich nahmen sie mit. Sie vergewaltigten mich und
zerschnitten meinen Körper. Sie verbrannten mich mit Zigaretten
so stark, dass ich fast in Ohnmacht gefallen wäre. Jedes Mal,
wenn ich mich ausziehe und die Spuren der Vergewaltigung sehe, habe
ich das Gefühl, sterben zu müssen. Heute ist mein Leben
für immer zerstört.
Obwohl sich jemand um mich kümmern müsste lebe ich heute
ohne jegliche Unterstützung.
„Bitte, lasst mich sterben!“
Als die Soldaten H. N. ins Militärkrankenhaus brachten,
befand sie sich zwischen Leben und Tod. Da die Ärzte nicht wussten,
wie sie einer vergewaltigten Frau helfen sollten, ließen sie
eine Ärztin kommen, die zu diesem Zeitpunkt in einer anderen
Kampfzone tätig war. Währenddessen versorgten sie H.N. mit
Bluttransfusionen, obwohl ihre Wunden ununterbrochen bluteten. Doch
die Ärzte wollten sie um jeden Preis retten. Nachdem sich die
Ärztin ein Bild vom Gesundheitszustand der jungen Frau gemacht
hatte, entschied sich trotz der widrigen Umstände für einen
chirurgischen Eingriff. Eine Kollegin entgegnete jedoch, dass jedes
Bemühen sinnlos sei. „Siehst du nicht, dass ihre Organe
schon aus dem Körper treten? Ich würde den Eingriff nicht
vornehmen, “ sagte sie. Die junge Ärztin aus der anderen
Kampfzone strich sich den Schweiß von der Stirn und fragte ihre
Kollegin, ob sie ihr während des Eingriffs Hilfe leisten würde.
„Ich denke, dass es gefährlich ist. Sie kann dabei sterben“,
sagte sie. Dennoch bereitete sie sich auf die Operation vor. „Sie
wird sowieso sterben, falls sie nicht schnell zugenäht wird.
Darum helft mir bitte, damit wir keine Zeit verlieren“, drängte
die junge Ärztin ihre Kollegin und die Krankenschwestern. Alle
in dieser Kampfzone waren mittlerweile über die Situation im
Operationssaal informiert. Die Operation dauerte lange und für
die Ärztin schien der Eingriff eine Ewigkeit zu dauern. Zudem
erschwerten sich die Umstände, als ein Granatenangriff einsetzte.
Nun konnten jederzeit auch Verletzte eingeliefert werden. Das Bombardement
hielt an und die Soldaten fingen mit der Verteidigung an. Zwei Granaten
schlugen in der Nähe des Krankenhauses ein. Die junge Ärztin
erschrak kurz, führte aber die Operation fort. Für sie und
für die anderen war es ein Kampf an vielen Fronten. Sie sah,
dass die Gebärmutter der Patientin gerissen war und dass man
ihre Genitalien mit Sand gefüllt hatte, wodurch ein Nähen
der Wunde erschwert wurde. Als sie das Innere zunähte dachte
sie, dass die Arbeit erledigt war. Doch als sie auch am Bauch eine
Wunde entdeckte, steigerte sich ihre Nervosität. Trotz der ungünstigen
Umstände überstand das Mädchen die Operation. Die Ärztin
ging nach der Operation nicht aus dem Saal, sondern blieb bei ihrer
frisch operierten Patientin. Nachdem sie das Mädchen einige Minuten
beobachtete, zog die junge Ärztin das Mädchen wieder aus
und säuberte die restlichen Wunden. Sie fing bei den aufgekratzten
Beinen an und hielt inne als sie die Brust säubern wollte. Ihre
Peiniger hatten ihr mit einem Messer ein serbisches Kreuz zwischen
die Brüste geritzt. Als sie die Stelle säuberte, bemerkte
sie ein Glasssplitter, den sie vorsichtig herauszog. Dann säuberte
sie die Wunde sorgfältig und verband sie. Sie deckte den Körper
des Mädchens wieder zu. Als das junge Mädchen H. N. mit
einer schwachen Stimme zu murmeln begann, wies die Ärztin sie
darauf hin, sich auf Grund der Operation nicht zu bewegen. Die Augen
von H.N. waren gelb unterlaufen. Sie fing an zu weinen. „Du
warst in Gefahr, aber jetzt ist alles vorbei. Du brauchst Kraft, daher
versuch nicht dich an das zu erinnern, was dich verletzt hat. Schließ
jetzt die Augen und versuch dich auszuruhen“, riet ihr die Ärztin.
„Warum hast du mir das angetan, warum hast du mich gerettet?
Bitte, lass mich sterben! Bitte, tu mir den Gefallen! Bitte...“,
flehte das Mädchen mit zittrigen Lippen. Ihre Tränen liefen
ihr in die Haare. „Hör zu, denk jetzt nicht, ruh dich einfach
nur aus!“, sagte die Ärztin, während das Mädchen
den Kopf in verneinender Geste schüttelte.
„Die Kinder sind das einzige was mir geblieben ist“
„Einige Tage nachdem das Bombardement angefangen
hatte, sagte mein Mann zu mir: „Die Menschen strömen aus
allen Gegenden Kosovas nach Mazedonien und wir bleiben hier. Was ist
wenn die Polizisten uns lebend erwischen?“ Ich sah ihn an und
hatte schon eine leise Vorahnung von dem Unglück, das über
uns kommen würde. Das Leben schien mir zu diesem Zeitpunkt beendet.
Mein ganzer Körper fing an zu zittern. Ich bereitete meine Kinder
vor, nahm etwas Essbares mit und als wir durch das Hoftor liefen,
drehte ich mich noch einmal um und sagte zu meinem Mann: „Ich
habe noch nie etwas schwereres erlebt. Werden wir noch ein Mal in
unser Haus und zu unserem Leben zurückkehren können?“
Er sah mich an, antwortete aber nicht. Ich weinte nur leise, um die
Kinder nicht zu beunruhigen. Einige Meter bevor wir uns der Kolonne,
die aus Zentralkosova kam, anschließen konnten, stoppte uns
die serbische Polizei und Armee. Sie zerrten meinen Mann aus dem Auto
und schlugen ihn mit der Gewehrschulterstütze. Die Kinder fingen
an zu weinen. Ich weinte auch. Als sie zu mir kamen und mich aus dem
Auto zogen, wurde das Weinen meiner Kinder immer lauter. Mich schlugen
sie nicht, aber sie beäugten mich und liefen um mich herum. Kurz
danach riefen sie jemanden, er möge kommen. „Hier ist ein
Fisch“, sagten sie ihm. Keine zwei Minuten später kam ein
langbärtiger Mann mit rötlichen Augen. Seinen Schnapsgestank
konnte man aus der Ferne riechen. In einem gebrochenen Albanisch sagte
er zu mir: „Du bist die schönste Albanerin, die ich je
gesehen habe, und du wirst die schönste Albanerin sein, die ich
je im Bett haben werde“. Ich flehte und weinte und wendete den
Blick zu meinem Mann, der vor mir stand. Meine Kinder waren auch da.
„Ich liebe die Tage, an denen die Albaner mich anflehen und
sich vor mir niederwerfen. Das ist wie in einem Süßwarengeschäft.
Du bist meine süßeste Süßigkeit, die ich von
den Albanern bis jetzt erhalten habe“. „Sie ist Lehrerin,
dann las uns mal sehen, was sie den Albanern beibringt“, sprach
ein anderer. „Um so besser. Nimm die Kamera mit, ich kann nicht
mehr warten. Ich will sie gleich haben“, sagte der Bärtige
und zog seine Hose aus. Zwei von ihnen hielten meine Arme fest und
er fing an mich auszuziehen. „Ich werde euch Geld und Gold geben,
bloß tut das nicht“, sagte ich und einer ließ mein
Arm los. „Geh und bring es mir“, befahl er und ich ging
zum Auto um es zu bringen. Ich nahm es und gab es ihnen, doch auch
das änderte ihr Vorhaben nicht. Sie ließen weder mein Mann
los, noch mich. Derjenige, der die Kamera geholt hatte, sagte den
anderen sie mögen anfangen. Mein Mann zitterte am ganzen Leib.
Einer von ihnen fing an mich auszuziehen und die anderen um mich herum
lachten nur. Als er anfing mich zu missbrauchen, versuchte mein Mann
zu entwischen und mir zur Hilfe zu eilen, aber einer der hinter ihm
war schoss mit einer Automatikwaffe los und entlud das ganze Magazin
in den Körper meines Mannes. Ich war außer mir und schrie
und die Kinder schrieen auch. Ich versuchte mich loszureißen,
etwas zu tun, aber meine Versuche stachelten meine Peiniger nur noch
mehr auf. Auch die Kinder kamen aus dem Auto. Sie warfen sich auf
den blutigen Körper ihres Vaters, während ich nur einige
Meter weiter missbraucht wurde. Es gibt keine Worte oder Ausdrücke
um den Schmerz und die Entwürdigung in diesen Augenblicken zu
beschreiben. Derjenige, der die Kamera hielt, richtete sie einige
Minuten später auf die Kinder, die über ihren toten Vater
lagen, um ihre Tränen und ihr Weinen aufzunehmen. „Das
brauchen wir auch, es wird eine wunderbare Szene werden um unsere
Jungs zu stimulieren“, sagte einer. Später drängten
sie die Kinder in ein fremdes Auto. Unser Auto fuhren sie in den Hof,
in dem sie Unterschlupf gefunden hatten. Einige andere vergingen sich
noch an meinem Körper. Dann schlossen sie mich schließlich
im Keller eines benachbarten Hauses ein. Dort hielten sie mich einige
Tage lang fest. Ich hatte die Orientierung und jegliche Kraft verloren.
Ich hatte das Gefühl, kein Mensch mehr zu sein. Sie schändeten
mich immer wieder. Bis jetzt kann ich nicht sagen, wie oft sie mich
misshandelten.
Irgendwann warfen sie mich auf die Straße und eine Familie,
die mir später sehr half, nahm mich mit.
Ich werde der Frau, die mir die Wunden versorgte, mein Leben lang
dankbar sein. Sie tröstete mich, als ich über die Vergewaltigung
sprach. Sie tröstete mich auch wegen der Kinder und versprach
mir, dass sie die Kinder finden würde, obwohl es nicht einmal
gewiss war, ob sie noch leben. Diese Familie aus Ferizaj hat mir sehr
geholfen und mich unterstützt. Sie unterstützte mich auch,
als ich meine Kinder wieder fand und nach Kosova zurückkehren
wollte. Der Hof unseres Hauses war nach dem Krieg eine einzige Ruine.
Jetzt bin ich ohne Mann, ohne Haus und ich wurde misshandelt. Nur
die Kinder halten mich noch am Leben“, sagte die Lehrerin aus
der Umgebung von Kaçanik mit Tränen in den Augen.
Ihr Leben endete in den Wellen der Adria
An dem Tag, an dem sie aus dem Haus vertrieben wurden,
hatte sie so viel geweint, dass alle dachten ihr würde das Herz
versagen. „Werde ich meine Brüder wieder treffen, werden
wir wieder in einem freien Kosova zusammenkommen“, - hatte sie
duzende Male gefragt. Als sie sich der mazedonischen Grenze genähert
hatten, hielt sie das Auto an und reihte sich in die Kolonne. Sie
blieb wach, auch als alle im Auto schliefen, und manchmal ging sie
nach draußen um eine Zigarette zu rauchen. Am darauf folgenden
Tag schrie ihre Mutter sie an, warum sie alleine nach draußen
ginge. Sie schaute ihre Mutter nur an und entgegnete mit ruhiger Stimme:
„Liebe Mutter, diese Flucht kommt mir vor wie der Tod. Darum
spielt es auch keine große Rolle, wenn mich eine Kugel erwischt“
Der verwunderte Vater sagte zu ihr: „Meine Tochter, ich werde
nicht mehr lange durchhalten. Du musst dich um die Familie kümmern.
Bleib nicht lange draußen, denn wenn dich die Shkije [herabschätzender
Ausdruck für Serben, Anm. d. Übers.] sehen, dann gnade dir
Gott. Sie werden dich mitnehmen. Du bist so schön und wirst ihnen
ins Auge fallen“. H. S. aß auch am zweiten Tag nichts.
Die Dämmerung brach ein, als die serbischen Polizisten anfingen,
die Autos der Albaner zu rauben. H. S. war weniger um das Auto besorgt,
als um den Zustand ihres Vaters. Als sie das Auto abgeben sollte,
widersetzte sie sich der Aufforderung. „Es befindet sich ein
kranker Mensch in dem Auto“, sagte H.S. zu der serbischen Polizei.
Daraufhin befahl einer der Polizisten dem anderen, sie und das Auto
mitzunehmen. Ihr Versuch auszusteigen war nun nutzlos. Zwei Polizisten
stiegen ein und zerrten die Familienangehörigen heraus. H.S.
wurde in ein Haus in Kaçanik gebracht, wo man ihr Hände
und Füße fesselte. Am nächsten Morgen sah sie, wie
zwei junge Männer im Hof umgebracht wurden. „Wenigstens
werde ich nicht in ihren Händen enden“, dachte sie und
war der Annahme, dass sie umgebracht werden würde. Doch die zwei
Serben, die sie im Auto in das Haus gebracht hatten, kehrten zurück.
„Du wirst serbische Kinder gebären, meine Albanerin“,
drohte einer der Polizisten, während der andere ihr in die Haare
griff. Sie wollte fliehen, aber er zog sie an den Haaren nahe an sich
heran und fing an, ihren jungen Körper anzufassen. Sie versuchte
umsonst Widerstand zu leisten. Sie waren zu zweit und man hatte ihr
Handschellen angelegt. Sie schändeten und misshandelten sie,
bis sie genug hatten. Dabei hatten die zwei Serben ihr Gesicht und
ihren Kopf mit der Faust blutig geschlagen. Sie spuckte die Polizisten
an als sie aus dem Zimmer gehen wollten. Einer der beiden kam zurück,
schleifte sie über den Boden und sagte ihr: „So wirst es
jeden Abend bekommen, bis du mein Kind gebärst. Versuch nicht
etwas Dummes zu unternehmen, weil ich deine Familie in der Hand habe.
Hast du das etwa vergessen?“ Sie hatte zu diesem Zeitpunkt seit
fünf Tagen nichts mehr gegessen und sie hoffte, dass sie so bald
wie möglich sterben möge. Die Serben kamen immer wieder,
wenn es dunkel wurde. Sie flehte Gott an, er möge sie sterben
lassen. Immer wurde die junge Frau vergewaltigt. Und jeden Abend verließen
sie sie mit den Worten, sie möge doch bald ein serbisches Kind
gebären. „Vielleicht werde ich es gebären, aber er
wird nach mir kommen, und euch töten“, entgegnete sie.
Daraufhin warf sich einer der beiden mit Wucht auf sie und stach ihr
mit einem Messer in den Bauch. Sie verlor das Bewusstsein, überlebte
jedoch ihre Verletzungen. Später bemerkte sie, dass sie nackt
unter einer Decke lag. Erst als sie wieder zu Bewusstsein kam, erfuhr
sie, dass sie in einem Bus Richtung Albanien war. In Albanien brachte
man sie mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus in Tirana. Auf Grund
der lebensgefährlichen Verletzungen am Bauch, musste sie nach
Italien zur Behandlung gebracht werden. In der Nacht, in der sie nach
Durrës geschickt werden sollte schlief sie nicht. Am darauf folgenden
Tag fand man sie tot in den Wellen der Adria.
Tragödie in einer Familie
„Und während ich noch überlegte, schoss
der Polizist, der hinter uns stand, drei Mal in den Körper meines
einzigen Sohnes. Ich schrie so laut, dass ich mich bis heute noch
frage, warum Gott mein Geschrei und mein Schmerz nicht hören
konnte. Mein Sohn sackte auf den Boden und starb, ohne den Blick von
mir abzuwenden. Er schaute mich an, als erwarte er Hilfe von seiner
Mutter. Doch ich war so kraftlos.“
„Während den Anfangstagen des Krieges war ich so besorgt,
dass es ganze Tage gab, die ich nur mit Weinen und Tränen in
den Augen verbrachte. Mein Mann schloss sich weder den Reihen unserer
Armee an, noch brachte er uns aus dem Dorf. Die Kinder ängstigten
sich vor dem Geschützfeuer. Automatikwaffen hingegen beeindruckten
sie nicht mehr. Sie spielten einfach weiter. Ich als Mutter hatte
Angst um die Kinder; zusätzlich zur Angst vor dem was man hörte
und sah. Es gab Abende an denen Waffenfeuer zu hören war und
wir die Kinder aus dem Schlaf reißen mussten, um mit ihnen in
den nächstgelegenen Wald zu fliehen. Mein Gesicht war ständig
mit Tränen bedeckt. Mein Gott, wie viele Tränen vergoss
ich, und mein einziges Gebet galt den Kindern und dass ich nie mit
ansehen mochte, dass ihnen etwas Schlechtes widerfährt. Als Nora,
meine einzige Tochter, verwundet wurde, dachte ich, ich müsste
vor Schmerzen sterben. Doch meine Schwester sagte mir, ich sollte
froh sein, dass es nur eine Kugel gewesen sei. Meine Tochter war zu
diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt und hätte auch vergewaltigt werden
können. Sie riet mir, wachsam zu sein und dafür Sorge zu
tragen, dass Nora nicht lebend in Feindeshände geraten würde.
Zu diesem Zeitpunkt reagierte ich wütend, als sogar meine Mutter
sagte, sie wünschte ihren Kindern den Tod, bevor sie „in
die Hände eines Shka“ [herabschätzender Ausdruck für
Serben, Anm. d. Übers.] fallen würden.“ – „Denn
ich weiß wozu der Shka fähig ist“, sagte sie mit
Nachdruck. Und während ich mit den Problemen meiner Tochter zu
tun hatte, vergingen die Tage. Mein Mann verhielt sich wie ein Schwächling,
er ging manchmal nicht einmal Holz besorgen. Ich war vierzehn Jahre
mit ihm verheiratet und niemals zuvor war es beschämender. Als
man meine verwundete Tochter aus Kosova brachte, fühlte ich mich
befreit und sagte vor dem Ehemann zu meinem neunjährigen Sohn:
“Mein Sohn, wenn du doch nur ein wenig älter wärst
und wir uns den Reihen der UÇK anschließen könnten,
dort wären wir sicherer und nur dort würden wir der Heimat
dienen“. Mein Mann sagte darauf: „Du kannst gehen, ich
will hier sterben, ich bin kein Mann für Waffen, ich werde bleiben
und als Feigling sterben, und wenn du gehst, dann bist nicht mehr
meine Frau“. Seine Worte haben mich seit diesem Tag sehr schwer
belastet, aber ich rechnete damit, dass mir Gott nicht den Rücken
kehren würde. Ich lag falsch. Der Januar ´99 fing mit schweren
Kämpfen an. Zusammen mit zwei, drei anderen Familien blieben
wir im Dorf. Als die serbischen Polizisten auf wenige Kilometer herankamen,
bat ich meinen Mann uns fortzubringen, aber er erwiderte, er würde
weder mich noch unseren Sohn gehen lassen. “ Wegen dir und deinem
Holzholen wurde meine Tochter verwundet“, warf er mir vor -
„Ja wer sollte den das Holz holen, was hättest du und die
Kinder essen sollen“, antwortete ich streng und meine Augen
füllten sich mit Tränen. Ich überlegte einige Stunden,
ob es nicht besser gewesen wäre, ihm nicht zu widersprechen.
Als seine Frau konnte ich ihm schließlich nichts vorschreiben.
Am Abend waren wir einem regelrechten Kugelhagel ausgesetzt. Die Wände
unseres Hauses waren weitestgehend zerstört. Doch wir überlebten.
Als es wieder ruhiger wurde, dachte ich, die serbische Polizei sei
weiter gezogen. Doch sie hatten uns umzingelt. Mein Mann bemerkte
das und versteckte sich darauf im Hühnerstall, während ich
und mein Sohn alleine und still im Haus blieben. Als einer der serbischen
Polizei mit dem Fuß an die Tür stieß, fasste ich
die Hand meines Sohnes und sagte ihm: „Sohn, egal was passiert,
versuch dich zu retten, ich habe genug gelebt“. Er weinte und
ließ meine Hand nicht los. Die Polizisten zerrten uns in die
Hofmitte und durchsuchten das Haus nach wertvollen Dingen. „Wo
ist dein Mann? Wenn du uns nicht Geld und Gold gibst, werden wir dein
Sohn töten“, drohten sie. Ich versuchte ein wenig Gold
zu finden, um mein Sohn zu retten. Aber mein Mann hatte sowohl das
Geld als auch das Gold mitgenommen. „Du hast nur noch zwei Minuten.
Entweder Gold oder Sohn“, wiederholten die Polizisten. Er [der
Ehemann] verhielt sich still im Hühnerstall. Er schätzte
wohl sein Leben mehr als das seines Sohnes. Ich blieb in der Hofmitte
stehen. Aus Angst um meinen Sohn wagte ich nicht zu meinem Mann zu
gehen. Doch das Geld hatte er bei sich. Während ich noch überlegte
schoss der serbische Polizist, der hinter uns stand, drei mal in den
Körper meines einzigen Sohnes. Ich stürzte zu Boden und
weinte und schrie. Mein Sohn sackte auf den Boden und starb, ohne
den Blick von mir abzuwenden. Er schaute mich an, als erwarte er Hilfe
von seiner Mutter. Doch ich war so kraftlos. Ich dachte, sie würden
nun gehen, aber einer von ihnen fesselte mir die Hände hinter
dem Rücken. Ich sah meinen Mann wie er zuschaute, aber ohne jede
Regung im Hühnerstall blieb. Ich stand auf und verfluchte ihn.
Der Polizist, der nicht verstand was ich sagte, gab mir einen Tritt
und ich fiel einige Meter nach hinten. Sie sagten etwas, dass ich
nicht verstand, und einer von ihnen schmiss sich auf mich. Er zerriss
mir alle Kleider um mich zu vergewaltigen. Mein Mann schaute immer
noch zu und ich hatte wegen den Schmerzen nicht mal mehr eine Stimme
um zu weinen.
Als sie mir die Hände losbanden, schlug ich einen Polizisten
mit einem Holzstück und versuchte dann zu fliehen. Doch nach
wenigen Metern wurde ich von weiteren serbischen Polizisten umzingelt.
Einige von ihnen vergingen sich wieder an mir, bis ich das Bewusstsein
verlor. Tage später hatten mich einige Bewohner eines benachbarten
Dorfes mitgenommen, um mir die Wunden, die man mir mit Messern zugefügt
hatte, zu versorgen. Während der ganzen Bombardements schleppten
mich mein Bruder und seine Frau von einem Wald in den nächsten,
um mich zu retten. Vier Tage nach Kriegsende kam mein anderer Bruder,
der gehört hatte, dass ich getötet worden sei. Begleitet
wurde er von meinem Mann. „Besser wäre es gewesen wenn
du gestorben wärst. Jetzt bist du ohne Familie und ohne Mann;
du hättest dich töten sollen; du bist schuld, dass die Serben
dich vergewaltigt haben“, sagte mein Mann zu mir. “Ich
soll schuld sein“, fragte ich ihn ungläubig. „Du
hast doch das Geld weggenommen und hast es nicht den Barbaren gegeben
um, deinen Sohn zu retten. Ich soll daran schuld sein, dass du uns
nicht erlaubt hast aus dem Dorf zu fliehen obwohl jeder die Gefahr
kommen sah.“ Und ich weinte unaufhörlich. „Deine
Schwester wurde von den serbischen Soldaten vergewaltigt und sie kann
nicht mehr meine Frau sein“, sagte er zu meinem Bruder und verlies
uns. Ich habe ihn nie wieder gesehen“, sagte R. R., aus einem
Dorf um Theranda.
Das Schrecken am Tag der “Aprilscherze”
S. S. wollte nicht anfangen ihre Geschichte vor ihrer
Mutter zu erzählen...:
„Ich hätte nie gedacht, dass ein Mensch so viel ertragen
kann. Ich habe gedacht, dass ich oder auch andere in solchen Fällen
freiwillig in den Tod gehen würden. Ich fiel in den Händen
der Shkije am ersten April; an dem Tag, an dem die Albaner massenweise
vertrieben wurden. Seit sie mich von der Familie getrennt hatten,
dachte ich nur an meine Familienmitglieder. Doch als sie mich dorthin
brachten, wo die Polizisten Unterschlupf gefunden hatten, und ich
auf den blutigen Tisch Frauenhaare, Fingernägel und Frauenkleider
sah, wusste ich was mit mir geschehen würde. Ich verlor jede
Hoffnung, dass mir jemanden in dieser Welt helfen könnte. Zu
diesem Zeitpunkt dachte ich auch nicht mehr an das Schicksal meiner
Verwandten. Ich war nur noch um mich besorgt und spürte eine
Angst, die mir bis dahin noch unbekannt war. Einer der serbischen
Polizisten, der die anderen anführte, rief mich zu sich. Dort
auf seinen Tisch gab es Schnaps und seine rötlichen und aufgerissenen
Augen ließen schon erahnen, was er vorhatte. Er trug eine schwere
Kette mit zahlreichen Anhängern. In der Ecke des Raumes lagen
unzählige Frauenkleider. „Hier musst du dich ausziehen,
damit ich sehen kann ob du etwas für mich, für die Offiziere
oder für die Soldaten bist“, sagte er in serbischer Sprache,
während er Schnaps trank. Ich stand da und tat so als ob ich
ihn nicht verstanden hätte. Doch dann gab er mir diesen Befehl
auch auf Albanisch. Trotz meiner Angst widersetzte ich mich seiner
Aufforderung. Er warf die Schnapsflache gegen die Wand und baute sich
vor mir auf. „Mir darf keiner den Befehl verweigern“,
brüllte er. „Ich bin Dragan Spasic. Ich bin derjenige,
der eigenhändig 50 Albaner getötet hat, du Hure!“.
Er schlug mit der Gewehrschulterschütze auf mich ein und ich
hatte das Gefühl, sterben zu müssen. Ich sah das Blut, das
mir aus der Nase lief, aber ich hatte keine Angst um mein Leben. Im
Gegenteil; eher wollte ich sterben, als das ich in seine Hände
fallen würde. Doch er beruhigte sich wieder und befahl seinen
Soldaten mich auszuziehen. Die Demütigung war in diesem Moment
unbeschreiblich. „Du musst tanzen, komm tanze“, sagte
er. Ich bückte mich und setzte mich hin, um meinen nackten Körper
vor den Blicken der serbischen Polizisten zu verstecken. „Siehst
du diesen Körper dort? Ich werde dir schlimmeres antun“,
sagte er und zeigte auf einen zerteilten Mädchenkörper,
der in der Ecke nahe der Frauenkleider lag.
Zwei serbische Polizisten kamen und fesselten mich an den blutigen
Tisch. Sie fesselten mir Hände und Beine und schauten mich dabei
an wie Tiere. Nach einer Weile zog sich ihr Anführer aus und
vergewaltigte mich. Die anderen lachten, redeten, schauten zu und
machten sich lustig, während ich mit dem Tod rang. Als er genug
hatte, ließ er von mir ab, damit mich auch die anderen schänden
konnten. Sie vergewaltigten und schlugen mich tagelang. Dann schmissen
sie mich nackt auf den Straßenrand. Auf dieser Straße
gab es viele andere Kosovaren, die nach Albanien flohen. Erst als
ich merkte, dass eine Frau mich zudeckte, sah ich auf meinen Körper
viele mit Messern eingeritzte Kreuze und Symbole von Slobodan Milosevic.
„Nimm mich nicht mit, lass mich sterben, bitte“, sagte
ich ihr. Aber sie flüsterte langsam: „Es ist nicht mehr
weit bis zum Mutterland, siehst du den Weg?“ Sie versuchte mir
zu helfen, während ich auf den Weg blickte. Ich hatte das Gefühl,
er würde sich bewegen und wieder spürte ich den Wunsch in
mir, zu sterben. Denn für mich würde diese Strasse von nun
an die Strasse des Todes sein.“
Mutter brach es das Herz
„Wir waren seit Tagen im Wald. In den Bergen von
Çiçavica lief die größte Offensive seit Anfang
der Kämpfe. Es war der 22. September 1998. Wir waren 14 Leute
aus unserer Familie und 70 Leute insgesamt aus unserem Dorf. Sie umzingelten
uns von allen Seiten und wir konnten nirgends mehr fliehen oder Nahrung
besorgen. Nach drei Tagen war der Vorrat an wilden Früchten aufgebraucht.
Die Kinder fingen an heftig zu weinen, manche von ihnen wurden schwer
krank und sie hatten keine Hoffnung mehr zu überleben. Ihre hungernden
Körper drohten zu sterben und ihren Seelen schienen vor Angst
zu ersticken.
Es war Mittag als paramilitärische Soldaten uns alle versammelten.
Sie trugen Tücher um ihre Köpfe und ihre Gesichter waren
bemalt. Unsere Männer wurden einzeln an die umliegenden Bäume
gebunden. Später kam ein Lastwagen, in dem sie die Männer
einschlossen. Dann nahmen sie unser Geld, den Schmuck und alles andere
Wertvolle. Sie drohten uns mit dem Tod der Kinder, um dadurch unseren
Willen zu brechen und weitere Wertgüter zu erhalten. Einer Frau,
die versuchte ihnen das Automatikgewehr zu entreißen, nahmen
sie den 2-jährigen Sohn weg und schnitten ihm das Ohr und drei
Finger ab. Mein Bruder versuchte trotz der gebundenen Hände tätig
zu werden. Sie nahmen ihn, entkleideten ihn vor allen Augen und schnitten
ihm die Genitalien ab. Meine Mutter und meine Schwägerin bewegten
sich nicht. Ich wollte zu ihm laufen, da er sich nicht mehr bewegte.
"Ich werde dich mit seinem Organ vergewaltigen“, sagte
einer der Polizisten zu mir, während zwei andere mir die Hände
fesselten und mich am Lastwagen festmachten. Ich versuchte Widerstand
zu leisten, doch dann schlugen sie so stark auf meinen Kopf ein, dass
ich das Bewusstsein verlor. Als ich wieder zu mir kam, war ich ausgezogen
und weiterhin gefesselt. Einige Meter weiter vergewaltigten sie eine
andere Frau oder Mädchen, das ich nicht kannte. Vor meinen Beinen
kniete meine weinende Mutter. „Sie haben deinen Bruder samt
seiner Frau getötet“, sagte sie zu mir. Vielleicht tat
sie es, weil es ihr das Herz brach. "Vielleicht ist es besser
wenn du auch stirbst", flüsterte sie. „es wird leichter
für mich sein, wenn ich einsam bin.“ Ich zitterte am ganzen
Körper; ob vor Kälte, Angst oder Schmerzen habe ich nicht
mehr wahrnehmen können. Um uns herum waren unzählige Leichen.
Überall lagen Fingerteile, Händeteile und Ohren. Später
kam ein Polizist zu mir. „Weil du jungfräulich warst, werde
ich dich zur Frau nehmen“, sagte er zu mir. „Du wirst
mit mir nach Serbien kommen und dort werden wir uns ein Nest bauen,
genau so wie es sich unser Präsident Milosevic vorgestellt hat;
dass alle serbischen Jungs mit Albanerinnen verheiratet sind und dass
sie dann serbische Kinder gebären und dass wir alle albanischen
Männer in Kosova töten. Sag mir, wirst du mir ein Sohn schenken?“,
fragte er mich und vergewaltigte mich dann vor den Augen meiner Mutter.
Ich weiß nicht wie lange er mich schändete; aber als ich
die Augen öffnete, war sein Körper blutüberströmt.
Meine Mutter saß weinend neben mir. Einige Frauen hatten die
Leichen bereits nebeneinander gelegt. Eine andere Frau kam auf mich
zu und versuchte mir irgendetwas anzuziehen. Doch in diesem Moment
war mir meine Nacktheit gleichgültig. Ich hatte das Gefühl,
nicht mehr ich selbst zu sein. Mein Bauch schmerzte, ich schämte
mich und die Vergewaltigung hinterließ bei mir das Gefühl,
schmutzig zu sein. Jemand gab mir ein wenig Wasser und dann kleidete
ich mich an. Ich hatte kein Gefühl mehr. Tote Körper waren
um mich und ich verstand nicht, warum ich den Tod so sehr herbeisehnte.
Ich wollte sterben; mehr als alles andere. Mutter stand nur neben
mir und weinte; dieses Mal sagte sie nichts. Eine Frau kam zu mir
und bat mich die Wunden ihres sechsjährigen Sohnes, dem sie die
Finger abgeschnitten hatten, zu versorgen. Ich versuchte es, aber
meine Hände funktionierten nicht. Ich schaffte es kaum ihm die
Wunden mit einem Hemdfetzen zu verbinden. Später begruben wir
die 18 Leichen. Mutter bekam bald darauf hohes Fieber. Im Wald fanden
wir ein Aspirin für sie. Nachdem sie die Tablette genommen hatte,
sagte sie: „Es war ein Fehler diese Medizin zu nehmen. Vielleicht
braucht sie jemand anderes. Ich habe ein gebrochenes Herz und die
Medizin kann mir nicht helfen. Ich sterbe an einem gebrochenen Herzen,
das mehr wegen dir als wegen deinem Bruder und deiner Schwägerin
gebrochen ist. Meine Tochter, verheimliche nichts und erzähle
alles".
„Mit diesen Worten starb auch meine Mutter und ich blieb ganz
alleine und dazu noch schmutzig“, sagte das Mädchen aus
den Wäldern von Çiçavica.
Die Mutprobe
„Das Bombardement hatte schon vor Tagen angefangen.
Mein Ehemann und ich trösteten uns gegenseitig und versteckten
unsere Angst vor unseren Kindern.
Die Menschen aus der Umgebung von Gjakova, die wir bei uns untergebracht
hatten, taten dasselbe. Wir hatten keine Möglichkeit aus der
Stadt zu gehen, während es in der Stadt vor hunderten von Soldaten,
Polizisten und paramilitärischen Einheiten nur so wimmelte. Am
29. März fingen sie an die Männer in unserem Viertel zu
verhaften. Ich starb fast vor Angst. „Was sollen wir machen?
Wir haben ja auch noch unseren 12-jährigen Sohn", sagte
ich zu meinem Ehemann. „Wir warten und schauen was passiert-
Unsere Soldaten sind nicht sehr weit weg. Vielleicht beobachten sie
was in der Stadt passiert und wir können vielleicht dem Unglück
entkommen.“
An diesem späten Nachmittag gingen wir zum Haus eines Bekannten
am Stadtrand von Gjakova, um nach etwas essbarem zu suchen. Doch wir
konnten nichts finden. Mein Mann und ich gingen nach draußen
und suchten in dem Haus einer anderen Familie nach Nahrungsmitteln.
In der Nacht hatten wir insgesamt drei Familien in unserem Haus untergebracht.
Am morgen waren wir unglücklicherweise alle eingeschlafen. Die
serbische Polizei brach die Tür ein und wir schauten alle verwirrt
um uns. „Geld und Gold her, falls ihr am Leben bleiben wollt,
dann lassen wir euch alle sofort nach Albanien gehen, wenn ihr versprecht
nie wieder zurück zu kommen“, brüllte einer der Polizisten.
„Wir werden gehen und unsere Kinder retten", flüsterte
mein Mann langsam. Diejenigen, die Geld oder Gold hatten, gaben es
den Polizisten. Sie nahmen auch unsere Taschen weg, weil sie dachten
sie würden darin etwas Wertvolles finden.
„Ihr Frauen könnt schon mal los, eure Männer kommen
in einer halben Stunde nach, wenn wir uns vergewissert haben, dass
es keine UÇK - Soldaten sind“, sagte einer der serbischen
Polizisten. „Wir werden uns nicht trennen“, sagte ich
und hielt an. Der Junge einer anderen Familie, die bei uns Zuflucht
gefunden hatte, versuchte zu entkommen, aber die Polizisten schossen
auf ihn und töteten ihn. Seine Mutter hatte versucht vor seinen
Körper zu springen, aber die Kugel, von der sie getroffen wurde,
ging glatt durch und traf ihren Sohn trotzdem. Das Heulen und Schreien
wurde immer lauter und die verletzte Frau wollte sich nicht vom toten
Körper ihres Sohnes trennen. Die serbischen Barbaren, die jetzt
richtig sauer wurden, fesselten alle Männer. Die Frauen zogen
sie aus. Die Kinder, elf an der Zahl, fingen an zu weinen und währenddessen
starb die verletzte Frau.
„Jetzt werden wir einen wunderbaren Film drehen, weil wir einen
für das Nachtprogramm von TV Prishtina brauchen“, sagte
einer der serbischen Polizisten und zerrte ein 15-jähriges Mädchen
ins Bett, um sie zu vergewaltigen. Wenn ich daran denke wünschte
ich damals wie heute, ich wäre tot. Das junge Mädchen wurde
von drei Männern festgehalten und von anderen drei vergewaltigt
und geschlagen, bis sie starb. Danach vergewaltigten sie die Frau
eines Bekannten und zum Schluss vergewaltigten sie mich. Dabei schlugen
sie mich und schnitten mir eine Brust ab. Dann warfen sie mich aus
dem Bett und nahmen sich ein junges Mädchen. Als sie anfing zu
schreien und nach Hilfe zu rufen, zogen sie ihr die Fingernägel
heraus. Am Ende, nach dem sie es vergewaltigt hatten, nahmen sie das
Mädchen mit. Sie nahmen auch die Männer mit. Ich überlebte,
aber mein Leben wurde zur Hölle, und das ist es immer noch geblieben.
Alle, die dort anwesend waren, haben gesehen wie man mich geschändet
hat. Meine Kinder haben es auch gesehen. Meinen Sohn haben sie mitgenommen
und ich weiß heute noch nichts über sein Schicksal. Meinen
Mann haben sie ins Gefängnis gesteckt. Sie ließen ihn vier
Monate nach Kriegsende frei. Ich war sehr froh, dass er überlebt
hatte, aber ich hatte keine Kraft ihn zu umarmen. Ich schämte
mich so sehr, weil er die Vergewaltigung mit ansehen musste. Auch
heute schäme ich mich vor ihm. Er umarmte mich weinend, wünschte
mir Beileid für unseren getöteten Sohn und umarmte auch
die Mädchen. Wir alle weinten, sogar alle im Hof versammelten
Menschen weinten. Als wir uns ein wenig beruhigten, sagte ich mit
einer weinenden Stimme zu meinem Mann, dass es gut sei, dass er wieder
da sei. „Das Haus wird nicht ohne Oberhaupt sein wird. Ich weiß
jetzt, dass unsere Töchter jemand haben, an dem sie sich anlehnen
können.“ Ich sagte zu meinem Mann, dass ich als entehrte
Frau gehen müsse, da ich mich vor ihm schämte. „Jetzt
wo du da bist, weiß ich, dass die Mädchen Unterstützung
haben und ich kann zu meinen Verwandten gehen, damit du dich nicht
entehrt fühlst". Ich wollte weiter reden, aber das Weinen
und die Tränen meiner Töchter und die meines Mannes unterbrachen
mich. „Du wirst nirgends hingehen“, erwiderte er. „Du
bist die Ehre dieser Familie, und wenn jemand in dieser Familie entehrt
ist, dann bin ich das. Die Ehre der Familie hätte ich verteidigen
müssen, und nicht du. Du bist unschuldig und du warst und bist
meine Ehefrau.“, sagte mir mein Mann.
Ich, B.B. aus Gjakova, fühle mich heute noch geschändet
und schmutzig, aber ich lebe zusammen mit meinen Mann und den Töchtern,
und ich hoffe, dass mein einziger Sohn eines Tages zu mir zurückkommen
wird.
Die Zigarettenbrandwunden
R. N. aus der Umgebung von Prishtina wurde nach Kriegsende
gefesselt in den Räumlichkeiten der juristischen Fakultät
gefunden. Sie kam monatelang nicht zu sich. Sie weinte und erzählte
ständig ihre schrecklichen Erlebnisse.
„Nach dem sie mich aus dem Haus gezerrt hatten, schleppten sie
mich direkt in die Räumlichkeiten der juristischen Fakultät.
Dort schoben sie mich ins Büro eines Professors und legten mir
Handschellen an. Ich kann mich nicht erinnern, wie viele Tage ich
nicht gegessen hatte. Ich verspürte keinen Hunger, dafür
aber einen unsagbaren Durst. Auf Grund des Flüssigkeitsmangels
waren meine Lippen aufgeplatzt und blutig. Nach einigen Tagen befahl
mir einer der serbischen Barbaren mich auszuziehen. Ich widersprach.
Einer der Polizisten gab mir eine Ohrfeige und meine Lippe platzte
sofort auf. Einer der anderen "Bosse" kam an mich heran,
nahm mit seinem Finger etwas von dem Blut aus meine Lippen und schleckte
daran. "Wie es aussieht, haben alle Albanerinnen süßes
Blut und ich werde mit meinem Messer alle von ihnen schmecken...",
sagte er mit einem ironischen Unterton und fing an mir mit seinem
Messer die Kleider zu zerschneiden, bis ich völlig nackt war.
Ich wollte etwas machen, aber ich war kraftlos. Zwei von ihnen hielten
mich fest, einer vergewaltigte mich. Mein einziger Widerstand waren
einige Kratzer mit meinen Fingernägeln im Gesicht meines Vergewaltigers.
„Das wirst du teuer bezahlen; du, die anderen Albanerinnen hier
und alle Albanerinnen, die in Kosova bleiben werden", sagte er
wütend. Einer der anderen Vergewaltiger fesselte mich wieder
und ließ mich nackt, zusammengeschlagen und vergewaltigt liegen.
Dann befahl er einem seiner Kollegen ihm eine Zigarette anzuzünden.
Mir bot er auch eine an. Nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte,
kam er an mich heran und sagte: „Man nennt mich Nenad Stojanovic
und von mir erhältst du ein Geschenk, dass du dein ganzes Leben
lang nicht vergessen wirst. Vielleicht wünschst du dir als junges
hübsches Mädchen weiter zu leben. Aber ich werde dich nicht
lange so belassen. Ich werde dich ganz langsam töten“ Er
nahm seine brennende Zigarette und drückte sie auf meiner Brust
aus. Dann steckte er sich eine andere Zigarette an und jedes Mal drückte
er sie auf meinem Körper aus. So verbrannte er meinen Körper
einige Stunden lang. Mein Körper brannte und ich schrie vor Schmerzen.
Ich erlebte eine Tortour von der schrecklichsten Sorte, die ich nicht
einmal in Filmen gesehen hatte und ich mir nie hätte vorstellen
können. Unfassbar, dass Menschen anderen Menschen das antun können,
auch wenn es sich um den schlimmsten Feind handelt.
Die Nacht darauf entfesselten sie meine Hände und ich wurde von
einigen anderen der Reihe nach vergewaltigt. Ich weiß nicht
genau wie viele sich an mir vergangen haben, aber wenn ich meinen
Körper heute betrachte, dann sehe ich hunderte von Zigarettenbrandwunden
und mit Messern in meinen Körper eingeritzte Schnitte und Wörter."
R. N. unterbrach unter Tränen ihre Erzählung. Sie war auf
Grund der traumatischen Erlebnisse nicht im Stande, den Bericht fortzuführen.
Das Leben ist bitter für R. N., weil sie seit diesen schrecklichen
Apriltagen des Jahres 1999 den Stempel der Zigaretten mit sich trägt.
„Ich würde gerne alles vergessen“
H. G. aus Prishtina wischte sich die Tränen weg.
Ihr Körper zitterte, sie verkrampfte ihre Hände, schaute
mal zu ihrer Tochter mal zum Fenster. Dann fing sie ihre schmerzhafte
Erzählung an: „Prishtina bekam den Krieg zum ersten Mal
während der Bombardierungen zu spüren. Erst als Armee, Polizei
und paramilitärische Einheiten anfingen die Menschen aus ihren
Häusern zu vertreiben, glaubte ich den Erzählungen der Menschen
aus den Kriegsherden, die ganz Kosova überzogen hatten. Ich hatte
niemandem die Tür geöffnet und als sie uns aus dem Haus
vertrieben, hatte ich keine Kraft woanders anzuklopfen. Man sagt nicht
umsonst, dass derjenige der satt ist niemals dem Hungrigen glaubt.
Ich hielt mich für intellektuell und hatte mich denen angeschlossen,
die gegen den Krieg waren, weil wir daran gewohnt waren, dass andere
bei Protestmärschen umgebracht wurden, dass andere protestierten,
dass andere litten und wir hofften indessen, dass wir auf die Rücken
anderer gewinnen würden! Als sie uns aus dem Haus schmissen und
meinen Mann mitnahmen, da hörte ich ihn sich selbst fluchen,
weil er sich nicht der UÇK angeschlossen hatte. Als sie ihn
in das Fahrzeug setzten, sagte er mit weinerlicher Stimme: "Ich
verdiene es nicht einmal, dass man um mich weint, weil ich nicht wie
ein Held sterbe, wie ein Held mit einem Gewehr in der Hand, sondern
wie ein Schwächling, wie ein Verrückter, der den Befreiungskampf
seines Volkes nicht unterstützt hat.“ Ich weiß, dass
meine Tochter laut zu weinen begann als das Fahrzeug wegfuhr. Sie
vertrieben auch unsere Nachbarn aus ihren Häusern. Sie durchsuchten
einige andere Häuser und nachdem sie alle Männer mitgenommen
hatten, führten sie alle Frauen zur Allgemeinschule "Naim
Frashëri“. Wir waren ungefähr 20 hauptsächlich
junge Frauen. Zwei über 40-jährige erschossen sie sofort.
Sie erschossen auch einen alten Mann. In der ersten Nacht kam niemand,
aber am Morgen danach kamen sie und zogen uns alle nackt aus. Zwei
junge Mädchen nahmen sie mit und wir wussten nicht was geschieht.
Die Mädchen kamen nie wieder zurück. Am nächsten Tag
kamen einige Soldaten und nahmen sieben Frauen, die ihnen gefielen,
mit. Als sie schließlich auch meine Tochter mitnahmen, hatte
ich das Gefühl, mein Herz bliebe stehen. Sie brachten sie fünf
Stunden später völlig verblutet zurück. Sie hatten
sie vergewaltigt und hatten sie an mehreren Stellen am Körper
geschnitten. Sie sagte zu mir mit einer leisen Stimme: „Bitte
Mutter, nimm ein Stuhl und schlag mir damit auf den Kopf damit ich
sterbe und mich nicht so erniedrigt fühle, bitte...“
Aus Verzweiflung und Sorge um meine Tochter schrie und weinte ich;
doch niemand hörte uns und niemand wollte etwas von uns wissen.
Zwei Tage später nahmen sie einige andere Frauen mit und brachten
sie nicht mehr zurück. Am nächsten Tag nahmen sie mich zusammen
mit meiner Tochter mit. Wir wurden gleichzeitig vergewaltigt. In diesem
Moment begriff ich, wieso meine Tochter den Tod herbeisehnte. Ich
kann mich nicht erinnern was mit mir passierte, denn ich war zu sehr
um meine Tochter besorgt. Als ich versuchte einen zu schlagen, ließ
er von mir ab und vergewaltigte mich nicht weiter. Aber er fesselte
mich und fing an mir die Fingernägel mit Elektrikerzangen herauszuziehen.
Meine Tochter schickten sie zurück in den Raum, in dem sie uns
eingeschlossen hielten. Mich zwangen sie, bei den darauf folgenden
Vergewaltigungen anwesend zu sein. Es waren mehr als 20 Frauen, die
sie schändeten.
Tage vergingen und ich stand immer noch gefesselt da, ohne etwas zu
essen bekommen zu haben, nicht einmal etwas zu trinken. Einige Tage
später schlossen sie mich zusammen mit sechs anderen Frauen in
meinem Alter in den Keller ein, während sie die jungen Mädchen
jeden Tag schändeten. Nur Gott weiß, wie sehr ich während
dieser Tage geweint, geschrieen und gelitten habe.
Und ich war gezwungen die zitternden jungen Körpern zu sehen
und das Geschrei und Weinen voller Schmerz zu hören. Ich teilte
den Schmerz mit ihnen, meine verwundete Seele tat mir weh. Auch heute
frage ich mich, wie ein Mensch angesichts dieser Erlebnisse nicht
vollkommen den Verstand verliert. Oder wie ein Mensch vor Schmerz
nicht sterben kann. Doch wenn Gott möchte, dass ein Mensch leben
soll, dann lebt er, egal was mit ihm geschieht. Erst jetzt verstehe
ich die Macht Gottes, erst jetzt verstehe ich was es heißt,
wenn Gott sagt, dass du Opfer sein musst. Oder vielleicht hat Gott
die Macht über die Menschen verloren und der Teufel namens Shka
nahm Kosova in seine Hand und tat alles wie es ihm beliebte; überall
dort in Kosova, wo die Jungs von der UÇK nicht waren. Ich weiß,
dass ich jetzt nicht einmal das Recht habe die UÇK zu erwähnen,
weil ich und meine Familie nichts unternahmen um sie zu unterstützen,
aber wenn ich die Hoffnung nicht gehabt hätte, dass sie die serbischen
Kräfte zerschlagen würden, dann wären ich und die anderen
Frauen, die dort jeden Tag durch von albanischem Blut nicht satt werdenden
serbischen Monstern gefoltert wurden, heute nicht hier. Als man uns
am meisten verletzte und folterte, trösteten wir uns mit den
Worten, dass Gott keinen Flecken Erde ohne Erretter lässt. Deswegen
hat Kosova auch junge Männer, die zu den Waffen gegriffen haben
und die Heimat verteidigt haben. Manchmal wünschen wir uns, dass
keine von uns stirbt, damit wir auch später von diesen Gräueltaten
berichten können. Als mich die Serben schändeten habe ich
auch meine Söhne verflucht, die ich selber in den Westen geschickt
hatte um sie zu retten. Ich verfluchte sie, weil sie mir nicht widersprachen
und zu den Waffen gegriffen haben, um die Heimat zu verteidigen. Ich
würde heute meinen vollen Namen und Nachnamen öffentlich
machen, wären da nicht meine Söhne, die es sehr treffen
würde, wenn sie erfahren würden, was ihrer Mutter und ihrer
Schwester widerfahren ist. Als nach dem Krieg mein ältester Sohn
eines Morgens nach Hause kam, sagte er: „Mutter, auch wenn sie
euch verhaftet, geschlagen und gefoltert haben, es ist leichter, weil
ihr der Vergewaltigung entgangen seid.“ Ich wurde sofort bewusstlos.
Er weiß heute noch nicht, dass wir beide vergewaltigt wurden.
Er denkt, dass ich um meinen ermordeten Mann trauere. Die Wahrheit
über das, was uns angetan wurde, kennt er nicht. Manchmal würde
ich gerne alles Geschehene vergessen. Aber würde ich den Wert
der Freiheit kennen, wenn ich all dieses Unglück vergessen würde?
Ich weiß, dass mich die bitteren Erlebnisse, die uns die Barbaren
Milosevics’ zugefügt haben, noch eine lange Zeit belasten
werden. Aber ich will nicht sterben, weil ich gerne die Unabhängigkeit
Kosovas erleben würde! Nur dann würde ich friedlich sterben,
weil ich sicher wäre, dass meine Neffen und Nichten niemals wieder
von serbischen Barbaren vergewaltigt werden können.“
Der Gang zum sicheren Tod
Arbenita sah ihre Schwester nie wieder, seit dem sie
durch die serbischen Polizisten aus der Menschenkolonne, die Richtung
Bahnhof ging, von einander getrennt wurden. Sie konnte es tagelang
nicht glauben, dass ihre 16-jährige Schwester nach der Folter,
die sie durch die Serben erlitten hatte, gestorben war. Arbenita saß
täglich stundenlang vor der Haustür und wartete. Sie wartete
darauf, dass ihre Schwester zurückkommt. Die Ermittler vom Haager
Tribunal hatten lange darauf gewartet, dass sie ihre Erzählung
über das, was ihr und ihrer jungen Schwester geschehen war, anfangen
würde zu erzählen. „Da waren noch dutzende von Frauen,
als wir von serbischen Polizisten und Soldaten getrennt wurden und
ich dachte nicht daran, dass sie uns alle vergewaltigen würden.
Ich hatte ein wenig Geld bei mir und hoffte mich damit retten zu können.
Als sie uns in ein schönes Haus in dem Stadtteil Arbëria
schickten, da dachte ich, sie würden uns nur ausrauben und dann
freilassen. Am Abend kamen unerwartet zehn serbische Polizisten in
dem Raum hinein, in dem wir fünf Frauen waren. Sie befahlen uns
die Kleider auszuziehen. Meine Schwester versuchte aus dem Fenster
zu springen. Aber die Polizisten bekamen sie zu fassen und fingen
an sie zu schlagen. Sie schlugen auf meine Schwester ein, auf die
Brust, den Magen und die Genitalien so viel sie konnten. Sie lag irgendwann
nur noch da und einer fing an ihr die Kleider mit einem Messer auszuziehen.
Vor Schmerzen konnte sie sogar nicht mehr weinen. Wir sahen verängstigt
zu wie sie mit den Fingernägeln auf den Boden kratzte, und wenn
sie versuchte einen von ihnen zu schlagen, da schlug der andere Polizist
mit dem Gewehrschulterstütze auf ihren Kopf ein. Sie wurde bewusstlos
und ich schaffte es irgendwie mich vom Polizisten zu befreien, der
uns festhielt und zwang zuzuschauen. Sie gab keine Lebenszeichen von
sich, aber als ich ihr ein wenig Wasser auf den Gesicht tropfen ließ,
da versuchte sie etwas zu sagen. Ich fing an zu weinen. Der Polizist,
der mich festhielt, kam an mich heran und zwang mich mit seiner Messerspitze
mich hinzulegen. Ich merkte, dass er mich auch schänden wollte.
Schnell griff ich nach einer Vase neben mir und schlug sie ihm auf
den Kopf. Er stand schnell auf, fesselte mich an den Tisch und tat
das, was er vorhatte. Es gibt nichts schlimmeres, das einem im Leben
widerfahren kann. Es gibt nichts, das einen mehr beschämen und
demütigen kann. Auch wenn ich weiter lebe, so bin ich damals
doch gestorben und ich bin auch weiterhin tot. Das gleiche wie mir
taten sie einer anderen Frau im Raum an. Ich versuchte zu fliehen,
aber sie fingen mich ein und zogen mir mit einer Zange die Fingernägel
heraus. Siehst du meine Hände? Glaubst du mir jetzt?“ fragte
Arbenita und deutete auf ihre Fingernägel.
Seitdem hat sie ihre Schwester nie wieder gesehen. „Sie hielten
mich tagelang gefangen und vergewaltigten mich mehrere Male. Ich bemerkte,
dass sie auch andere Albanerinnen vergewaltigten, die teilweise starben.
Wie viele Mädchen in den Händen dieser Henker, Soldaten
und Polizisten starben, kann ich nicht sagen. Ich kann mich nicht
einmal daran erinnern, wer mich da rausgeholt hat. Ich weiß
nur, dass ich nachdem Krieg Angst hatte nach Hause zu gehen. Ich kann
immer noch nicht glauben, dass der Krieg zu Ende ist.“
„Ziel der Polizisten war der Brunnen meines Onkels!“
„Der Krieg hatte vor Monaten angefangen und ich
war die einzige meiner Familie, die im Dorf geblieben war. Nach der
Verhaftung meiner Brüder war ich gezwungen da zu bleiben, weil
das Vieh unsere einzige Hoffnung zum Überleben war und es versorgt
werden musste. Im Jahr ´99 war ich eingeschlossen und es gab
keine Möglichkeit mehr den „eisernen“ Ring der Armee,
Polizei und paramilitärischen Einheiten, die Drenica und Dukagjin
umzingelt hatten, zu umgehen. Außer mir waren noch vier Töchter
meiner Onkels im Dorf. Nach einer Weile wurden unsere Häuser
Sammelstellen für Frauen und Kinder. Wir mussten Brot für
mehr als 30 Menschen backen und bei uns war kein einziger Mann. Wenn
die feindlichen Kräfte näher kamen, da gingen wir nachts
in den nahen Wald und tagsüber gingen wir zum Haus zurück,
um Essen zuzubereiten und das Vieh zu versorgen. Durch die eisige
Kälte und die Angst verwandelte sich unser Leben in ein Schrecken.
Nach einigen Tagen wurden wir wegen der eisigen Kälte krank.
Das Leben im Wald wurde unerträglich. Die serbischen Kräfte
bemerkten und beobachteten uns, wenn wir Feuer anmachten. An einem
kalten Februartag kehrten wir in unsere Häuser zurück, weil
fünf der kleineren Kinder krank geworden waren. Die serbischen
Kräfte waren ständig in Bewegung. Eine Frau aus der Gegend
von Klina nahm ihre kranken Kinder und zwei ältere Töchter
mit und floh zusammen mit einer anderen Frau und ihren drei Kindern.
Nun waren wir nur noch 21 junge Frauen, neun darunter waren minderjährig.
Wir harrten zu Hause aus und konnten kein Feuer anzünden, weil
wir Angst hatten, dass uns die serbischen Barbaren entdecken würden.
Sie wurden immer mehr. Die Strasse war wegen den vielen Schneemassen
blockiert. Durch das Wetter waren wir gezwungen da zu bleiben wo wir
waren. Nach einigen Tagen gingen uns sogar die Nahrungsmittel aus.
Wir nahmen nur so viel Nahrung zu uns, dass wir gerade am Leben blieben,
weil wir nicht mehr als ein bisschen Milch und ganz wenig Mehl hatten.
Ich kann mich an das Datum nicht erinnern, weil wir das Gefühl
für Zeit verloren hatten. Die Nahrungsmittelknappheit tat das
Übrige. Unerwartet und ohne anzuklopfen brachen die serbischen
Soldaten und Polizisten die Tür auf und stürmten in das
Zimmer. Ohne zu fragen und ohne Rücksicht auf unsere Reaktion
fing einer von ihnen an die Haare meiner Cousine Nera zu streichen.
Sie war gerade erst 14 Jahre alt und unter uns die am meisten verängstigte.
Sie schob seine Hand weg und er wurde sauer wegen ihrer Reaktion.
„Ich bin Gott für die Albaner und ich dulde keine Beleidigungen“,
sagte er und schlug mit seiner Hand so fest er konnte auf die kleine
Nera ein. Sie beugte sich nach vorne, aber sie heulte nicht. Er versuchte
sie wieder anzufassen, aber sie floh nach draußen. Daraufhin
befahl er meine Cousine zu fesseln. Zwei der Polizisten fesselten
Neras Hände. Er schmiss sich auf sie und zerriss ihre Kleider,
während die anderen beiden sie festhielten. Er legte sie auf
den kalten Schnee und schändete sie. Sie weinte und schrie nach
Hilfe, aber wir hatten Angst und wagten nicht ihr zur Hilfe zu eilen.
Wir schauten erschreckt zu. Wir hatten ein Automatikgewehr unter den
Decken versteckt, konnten es aber nicht hervorholen, weil die Polizisten
sich im Raum befanden. Als viele von ihnen die Aufmerksamkeit auf
den Vergewaltiger unserer Schwester Nera gerichtet hatten, zog X.
[Name wird zum Schutz der Person nicht genannt] , die Schwester von
Nera und die mit der größten Erfahrung unter uns, das Automatikgewehr
hervor und schoss auf die Barbaren im Zimmer. Alle fünf fielen
zu Boden und ich wurde am Bein verletzt. Die anderen, die draußen
waren, reagierten nicht, weil sie wahrscheinlich dachten, dass auf
uns geschossen wurde. Aber nach zwei weiteren Minuten kamen drei Polizisten
herein und sagten beim hereinkommen, dass sie auch interessiert am
Spiel seien. Die Schwester von Nera wollte auf einen der Polizisten
schießen, aber ein anderer schoss von draußen herein und
sie fiel tot zu Boden. Einer von ihnen zog sie dann am Arm heraus,
und nachdem er uns befahl nach draußen zu gehen, zog er sie
bis zum Brunnen des Onkels und schmiss sie dort hinein. Nera bewegte
sich auch nicht mehr. Sie war gestorben. Einer der Schweinehunde schändete
sie weiter, obwohl sie schon tot war. Er sah uns, wie wir ihn betrachteten,
und er sah seine Freunde, die ihn auslachten. Da nahm er ihren Körper
und schmiss ihn in den Brunnen hinein. Er ergriff meine Hand und weil
ich mich widersetzte, stieß er mit seinem Messer in meine Brust.
Blut und Kleiderfetzten tropften zu Boden. Ich fing an zu schreien
und wie im Traum sah ich, dass einer der Polizisten auch die 13-jährige
G. vergewaltigte. Nach einigen Minuten der Vergewaltigung auf dem
kalten Schnee versuchte G. sich zu widersetzen, aber er stieß
sie mit seinem Kopf so fest er konnte. Sie war überall voller
Blut und konnte die Schmerzen nicht mehr aushalten. Mir war nicht
klar ob sie sofort starb, aber während ich vor Schmerzen weinte,
sah ich wie der gleiche Serbe, der G. vergewaltigt hatte, sie zum
Brunnen des Schreckens zerrte und dort hineinwarf. Nach kurzer Zeit
warfen sie auch Sh. hinein. Obwohl ich nicht gesehen hatte ob sie
vergewaltigt worden war oder nicht, so konnte ich doch sehen, dass
sie lebendig und nackt in den Brunnen geworfen wurde. Der Polizist,
der mich vergewaltigte, stand auf, weil im nahe gelegenen Wald Schüsse
zu hören waren. Halbnackt versteckte ich mich hinter einer Blumenhecke
und hinter „der lebendigen Mauer“ so schnell, dass es
niemand merkte. Zwei von den Polizisten schossen auf die übrig
gebliebenen Mädchen und töteten alle. Zwei von den toten
Mädchen warfen sie in den Brunnen hinein. Dann flohen sie aus
dem Dorf den Abhang herunter und ließen mich verletzt zurück.
Heute noch, wenn ich Weiß vor meinen Augen sehe, kommen die
Schrecklichen Bilder zurück und verdunkeln mein Leben für
immer.“
„Mögt ihr die Freiheit genießen, mir bleibt es die
Wunden zu beweinen“
E. R. aus einem Dorf um Gjilan hatte an diesem Tag gerade
den Flughafen von Shiphol in Holland betreten. Ihr bleiches Gesicht
ähnelte mehr dem einer Leiche als einem lebenden Menschen. Die
Wunde, die immer noch die ganze linke Gesichtshälfte bedeckte,
war ausgetrocknet und hatte eine sonderbare Farbe eingenommen. Sie
setzte sich langsam hin. Als sie Fernsehkameras bemerkte, die auf
sie gerichtet waren, senkte sie das Gesicht und fing an zu weinen.
Es schien, als ob ihre Tränen das einzige warme an ihrem Körper
geblieben war. Alles andere in ihr schien tot. Als die Vertriebenen
aufstanden um mit dem Bus in die extra für sie eingerichteten
Unterkünfte zu fahren, ballte sie die schwachen Fäuste und
heimlich schaute sie ob jemand mit ihr bleiben würde. Während
der Tross der müden und traurigen Menschen los lief, wurde sie
immer aufgeregter und ihr Atem wurde immer schneller. Die Albanerin,
die die Gruppe führte, kam auf sie zu um sie zu beruhigen, aber
auch sie hielt inne als sie sah, dass in der Halle viele Frauen geblieben
waren. Alle waren vergewaltigt. E. R. weinte nun nicht nur um ihr
eigenes Schicksal, sondern um das Schicksal aller unglücklichen
Albanerinnen. Immer wenn die Wegführerin versuchte sie zu beruhigen
fragte sie verschreckt: „Sie alle sind wie ich in den Händen
der Kriminellen gefallen?“
Immer wieder kamen ihr die Tränen. Es erinnerte sie an die Flüchtlingskolonnen
in Kosova. Nachdem die Menschen in das Lager geschickt wurden, kamen
die Krankenwagen. E. R. stand auf und stieg zusammen mit 16 anderen
Frauen in die Wägen ein. Es war ein schrecklicher Anblick, sie
weinten alle und gingen vom Flughafen als ob sie sagen wollten: „Ist
das wohl das Ende ihrer Reise, würden wohl hier die Knochen all
derer, die auf diese Welt gekommen waren, zu Staub“. Der Weg
war lang und schwer. E. R. weinte die ganze Zeit still vor sich hin
und als sich die Führerin neben ihr niederließ, sagte sie:
„Warum lasst ihr uns nicht sterben, solche wie wir dürfen
nicht leben“.
„Hör zu Schwester, das Leben muss weitergehen. Wir alle
haben Wunden; manche von uns haben größere und manche kleiner“,
sagte die Wegführerin.
„Aber warum sollte ich leben? Wie soll ich leben, jetzt da…“
Sie wollte etwas sagen, hielt jedoch inne. Ihr Körper zitterte
wie ein Baumzweig im Wind und ihr Atem wurde immer schneller. „Wenn
du so weitermachst muss ich dir Beruhigungsmittel verabreichen lassen“
ermahnte die Wegweiserin das Mädchen. „Du musst stark bleiben,
du lebst; daher bete zu Gott, dass deine Verwandten auch am Leben
sind. Eines müssen wir immer vor Augen haben: Unabhängig
davon, was einem passieren mag, das Leben muss weitergehen“,
sagte sie zu mir. „Ich habe kein Grund zu leben, ich will nicht
leben“, entgegnete E.R. „Sie schändeten mich vor
den Augen meines Vaters und meiner Mutter. Und als sie versuchten
mir zu helfen wurden sie von den serbischen Kriminellen erschossen.
Sie töteten meine Eltern erst nachdem sie mit angesehen hatten
wie ich geschändet wurde und wie man sich an meinem Körper
verging. Als zwei von ihnen von mir weggingen, hatte einer sein Automatikgewehr
neben mir liegen lassen. Ich nahm es schnell und entleerte es in ihre
Richtung. Ich weiß nicht ob es Tote gab, aber ich sah zwei Verletzte.
Ein anderer, der auf der anderen Seite von mir war, schlug mir mit
seinem Gewehr ins Gesicht. Er schleifte mich über den Boden und
vor meinen Augen vergewaltigte er meine 14-jährige Nichte. Und
ich konnte ihr nicht helfen. Ich biss in meine Hände, da dieser
Alptraum nicht auszuhalten war. Einer der Polizisten, der ein wenig
weiter weg war, ging auf seine Freunde zu und als er sah, dass sie
tot waren, holte er die Frau meines Bruders und ihre drei Kinder aus
dem Haus. Dann erschoss er sie. Doch damit begnügte er sich nicht.
Aus dem anderen Haus holte er meine Tante und einige hauptsächlich
kriegsunfähig und sogar verletzt Menschen. Nachdem sie alle Männer
erschossen hatten, fingen sie damit an, alle Frauen zu schänden.
Nachdem der rasende Polizist, der meine 14-jährige Nichte geschändet
hatte, sagte, dass sie gestorben sei, ging meine andere Tante auf
das Mädchen zu und schrie so laut, dass ich dachte die Berge
und Wiesen in ganz Kosova würden weinen. Nach einer kurzen Zeit
fingen die serbischen Barbaren an unkontrolliert in die Luft zu schießen,
flohen aber sofort, weil sie offenbar UÇK - Soldaten bemerkt
hatten. Wenn unsere Soldaten uns nicht zur Hilfe gekommen wären,
dann wären wir jetzt alle tot. Es blieben trotzdem zehn Erschossene,
zwei zu Tode Vergewaltigte und einige Verletzte. Wir waren acht vergewaltigte
Frauen, die liegen geblieben waren. Die UÇK - Soldaten versuchten
uns zu helfen und uns zu trösten. Vielleicht würde ich mit
der Situation besser klarkommen, wenn sich mein Bruder nicht der UÇK
angeschlossen hätte und wenn er mich nicht vergewaltigt vorgefunden
hätte und dann nicht versucht hätte mich zu trösten.
Ich forderte ihn auf, mir eine Kugel zu geben, da ich merkte, dass
es ein Fehler gewesen war, nicht mit ihm mitgegangen zu sein. Er schaute
mich mitfühlend an und sagte: „Du musst zuerst deine Wunden
heilen, die Heimat braucht dich nicht sofort“.
Jetzt kann ich sagen:
„Die anderen mögen die Freiheit genießen, ich brauche
das Leben nicht mehr“.
„Der heftige Regen rettete mich“
Die 17-jährige R. S. kam aus der Gegend um Obiliq.
Sie hielt den Kopf immer gesenkt, aber dennoch konnte sie die Schnittwunden
im Gesicht nicht verstecken. Diese Schnittwunden ließen nicht
nur sie, sondern alles um sie herum erbärmlich und traurig aussehen.
Traurig ballte sie die Hände zusammen und das Zittern ihres Körpers
unterbrach jeden Satz. Das Zittern wurde immer unkontrollierter, aber
mit der letzten Kraft biss sie sich auf die Lippe und sagte: „Die
Gegend um Obiliq bekam den Krieg sofort nach dem Massaker von Prekaz
zu spüren. Weil wir nirgendwo hingehen konnten, wo es sicherer
war, blieben wir zu Hause. Es gab Tage, da warteten wir nur darauf,
dass die Polizei in unser Haus stürmen würde. Jeden Tag
fuhren Panzer und anderes Kriegsgerät vorbei. Wenn sie Verluste
zu beklagen hatten, veranstalten sie grausame Dinge unterwegs: Sie
töteten, nahmen Geiseln, vergewaltigen und begangen jede Gräueltat,
die ihnen in den Sinn kam. Wir waren sehr verängstigt, wie alle
anderen längs der Hauptstrasse Prishtina – Mitrovica. Auf
Grund der einschlagenden Bomben konnten wir weder schlafen noch essen.
Einige Tage vor das Bombardement gingen wir in das nächste Dorf,
das in Richtung Llap gelegen war. Dort gab es mehr als zehntausend
Einwohner. Als das Bombardement anfing wurden es noch mehr. Man wusste
nicht mehr was gerade geschah. Wir waren von allen Seiten umzingelt.
Die Häuser im Dorf Barileva waren viel zu klein, um all die Flüchtlinge
unterzubringen. Deswegen verbrachten wir die Tage und Nächte
im sitzen. Es gab keinen Platz, um sich hinzulegen und zu schlafen.
Aber auch wenn wir genug Platz gehabt hätten, so hätte doch
kaum einer von uns schlafen können. Wir alle warteten hoffnungslos
und sorgten uns um die kleinen Kinder. Niemand sagte es laut, aber
alle dachten nur das eine: „Hoffentlich kommen die Kinder heil
davon“. Und der Tag, den wir so sehr fürchteten, kam dann
auch letztendlich. Die serbischen Monster kamen ins Dorf. Zunächst
entwendeten sie uns den Goldschmuck und das Geld, dann trennten sie
die Männer von den Frauen. Sie töteten meinen Bruder vor
meinen Augen, weil er den wildgewordenen Polizisten nichts Wertvolles
geben konnte. Ich rannte auf meinen Bruder zu und er schaute mich
an, als ob er mir etwas sagen wollte. Doch dann schloss er die Augen
für immer. Einige Kugeln hatten ihn in die Brust getroffen, sein
Hemd färbte sich dunkelrot vor Blut. Ich ballte meine Fäuste
zusammen und fluchte leise und kraftlos. Doch ich brach nicht zusammen.
Einer der Polizisten zog mich an den Haaren von der Brust meines Bruders
weg. Von dort trieben sie uns nach Prishtina.
Der Gedanke an meinen getöteten Bruder, den ich dort auf dem
Boden liegen lassen musste, hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.
„Es wäre besser gewesen wäre er zur Armee gegangen“
, sagte meine Mutter leise und lief weiter, meine kleine Schwester
an der Hand ziehend. Sie drehte den Kopf nicht einmal mehr zu mir.
Eine Frau aus diesem Dorf nahm mich am Arm, aber meine Schritte wurden
immer kürzer. Ich weiß, dass mir jemand Wasser gab und
ich kam ein wenig zu Bewusstsein, aber es half mir sehr wenig.
Vor den Toren Prishtinas war eine andere Gruppe Polizisten postiert.
Sie trennten dieses Mal nur die Frauen von der Kolonne. Dort musste
auch ich mich von der Kolonne verabschieden. Als die serbische Polizei
mich von den anderen wegzog, gab mir die Frau, die mich am Arm stützte,
den Rat, mich ruhig zu verhalten und nicht zu zeigen, dass sie meinen
Bruder getötet hatten.
Die Kolonne ging weiter und einer der Polizisten fesselte mich und
brachte mich an ein nahe gelegenes Haus. Als wir dort ankamen, bat
ich ihn mir die Hände los zu binden, aber er schaute mich nur
an und schmiss mich auf den Boden.
Eines Abends nahm mich ein anderer serbischer Polizist auf einem Fahrzeug
mit und brachte mich an das andere Ende Prishtinas. Dort waren drei
andere Polizisten. Einer von ihnen fing sofort an mich nach meiner
Ankunft auszuziehen. Meine Hände waren gebunden. Mein Weinen
und mein Flehen beeindruckten sie nicht. Zwei vergewaltigten mich,
der dritte kam an mich heran und zerschnitt mein Gesicht, als sei
ich ein Stück Käse und kein Mensch. Das warme Blut rann
mir die Haare hinab und ich flehte zu Gott, mein Blut solle nicht
aufhören zu fließen, damit ich so schnell wie möglich
sterben würde. Ich dachte, sie konnten mich nicht mehr gebrauchen,
aber einer von ihnen stürmte auf mich, schändete mich, leckte
dabei mein Blut und sagte zu seinen Freunden: „Seht her, ich
trinke albanisches Blut“.
Gott alleine weiß wie lange sie sich noch an mir vergangen hätten,
aber ein heftiger Regen brach ein. Sie gingen weg und ließen
mich dort liegen. Auch wenn ich heute versuchen würde in das
normale Leben zurück zu kehren, so lähmt mich doch der Gedanke,
dass jeder die Wahrheit kennt. Jedes mal, wenn ich mein Gesicht berühre,
drängen sich mir die bitteren Erinnerungen wieder auf und mein
Leben verliert jeden Wert.“
An jenem Tag weinte auch Prishtina
„Ich kann mich nicht daran erinnern, wie lange
es her war, seit das Bombardement angefangen hatte“, fing das
junge Mädchen aus Prishtina ihre Erzählung an.
„Wir versteckten uns im Hauskeller. Insgesamt waren es 20 Personen
aus unserer Verwandtschaft, die in diesem Raum Unterschlupf fanden.
Wir hatten genug Nahrungsmittel gesichert, aber wir konnten vor Angst
nicht essen oder ruhig sitzen. Selten ging jemand aus dem Haus, um
zu schauen was mit den anderen passierte. Neuigkeiten hörten
wir nur aus den ausländischen Radiosendern und Fernsehkanälen.
Nach dem Massaker von Obiliq überkam uns alle die Angst. Wir
warteten seit Tagen darauf, dass sie uns aus dem Haus vertreiben würden.
Die zwei Ehefrauen meiner Brüder und ich hatten Angst, den Hauskeller
zu verlassen oder gar aus Kosova zu fliehen. Wir flohen auch dann
nicht, als der Großteil Kosovas wegging. Es war ein kalter Morgen
und der Schlaf hatte uns wie zum Trotz überkommen. Die Tritte
an der Tür waren so heftig, dass ich für einen Augenblick
dachte das Haus würde beben. Als mein Vater die Tür öffnete,
stürmten einige serbische Polizisten herein und warfen als erstes
die Wiege um, in der das Baby lag. Die Braut meines Bruders schrie
auf und ging zur umgeschmissenen Wiege, aber der Polizist schlug mit
der Gewehrschulterstütze auf ihren Kopf ein und sie fiel in Ohnmacht.
Das Weinen des Babys wurde immer lauter und heftiger. Ich war zwar
verängstigt, lief aber trotzdem zur Wiege. Ich wollte das Baby
in die Arme nehmen, aber einer der Polizisten zerrte mich an den Haaren
aus dem Haus. Dort sah ich, dass sie in unserem Hof zahlreiche Männer
zusammengepfercht hatten. Sie waren blutig geschlagen und verletzt.
Viele dieser Männer waren mir nicht bekannt, aber unter ihnen
erkannte ich auch meine Nachbarn.
Ein serbischer Polizist gab den Befehl, die Männer zu fesseln.
Ich zitterte am ganzen Körper und hatte keine Kraft mich zu wehren,
obwohl ich den Befehl nicht ausführen wollte. Der serbische Polizist
bemerkte meinen Widerwillen. Zuerst schlugen sie jedoch die Männer
mit den Ketten. Diese hatten keine Kraft mehr sich zu widersetzen,
denn um sie waren dutzende von anderen serbischen Polizisten und Soldaten;
alle in Bereitschaft sofort zu schießen. Ich dachte, mit dieser
Szenerie würde nun alles enden, aber unerwartet kam ein geschlossener
Lastwagen, in dem alle Männer einzeln hinein getrieben wurden.
Ich dachte, dass sie uns alle dort einsperren würden, aber die
Barbaren trennten die Männer von den Frauen, und nach kurzer
Zeit brachten sie noch weitere Frauen hinzu. Wie viel Frauen es waren,
kann ich nicht genau sagen. Aber als ich in den Keller gebracht wurde,
war dieser mit anderen Albanerinnen überfüllt. Dort warteten
bereits fünf weitere serbische Polizisten.
„Wenn wir doch nur eine Waffe hätten“, flüsterte
ich einer unbekannten Frau zu, in deren Augen ich eine gewisse Tapferkeit
zu sehen glaubte.
„Jetzt wollt ihr in Prishtina auch Waffen“, antwortete
sie mir. „Dabei habt ihr uns aus Drenica dafür verurteilt,
dass unsere Männer in den Krieg gezogen sind und dass wir uns
dem Feind widersetzt haben.“ Jetzt sei es schon zu spät.
„Macht ruhig weiter mit eurem friedlichen Weg.“
Ich hatte das Gefühl, zu erstarren und verstand nichts. In diesem
Moment kam ein weiterer Polizist in den Raum.
Sie trennten uns in zwei Gruppen. Die erste Gruppe wurde an einen
mir unbekannten Ort gebracht; wir sechs anderen Frauen blieben da.
Mit der ersten Gruppe brachten sie auch meine Schwägerin und
das Baby weg. Bis heute weiß ich nicht, wohin man sie schickte.
Weder haben wir ihre Leiche gefunden, noch wissen wir was mit ihr
und dem Säugling geschehen ist.
Bei Einbruch der Dämmerung befahl uns einer der serbischen Polizisten
uns auszuziehen. Einige andere Polizisten kamen und fesselten uns.
Mich brachten sie ins Gästezimmer und als ich einen halbnackten
Polizisten sah verstand ich, dass ich vergewaltigt werden sollte.
Erst an diesem Tag erkannte ich, dass der Kampf der UÇK gerechtfertigt
war. In diesem Augenblick realisierte ich zudem, was es bedeutet,
wenn ein Volk nicht vereint ist. An diesem Tag mussten wir die Uneinigkeit
unserer politischen Führer mit unserem Körper bezahlen.
Wenn wir besser organisiert gewesen wären, hätte es keine
Vergewaltigungen gegeben. Die vielen Verhaftungen hätten nicht
stattgefunden. Wie sehr sehnte ich den Tod herbei. Er war mir lieber,
als ein Opfer derer zu sein, die töteten und hinrichteten und
mich gemeinsam mit vielen anderen Frauen barbarisch vergewaltigten.
Gefesselt und zusammengekauert saß ich auf dem Boden und weinte
und schrie - doch niemand hörte mein Flehen.
Niemand konnte mir helfen. Die Polizisten wechselten sich ab, einer
nach dem anderen, und ich musste alles über mich ergehen lassen.
Es war sinnlos, sich zu widersetzen. Ich musste an die Frau denken,
die mir sagte, dass ich zu denen gehört habe, die weder Drenica
noch die UÇK unterstützt haben. Am siebten Tag hörte
ich zwei serbische Polizisten über eine tote Person sprechen,
aber ich konnte nicht hören ob es sich um eine Frau oder einen
Polizisten handelt. Auch in der darauf folgenden Nacht hörte
ich das mir bereits bekannte Geräusch der Tür. Ich dachte,
sie kämen wieder hinein und ich zitterte und weinte vor Angst.
Aber als die Tür aufging schlich sich die Frau aus Drenica langsam
herein, warf mir einen Mantel zu und sagte: „Wenn du nicht laufen
kannst, dann komm nicht mit mir, denn zuerst müssen wir die Wachen
töten“. Ich stand auf, setzte mich aber dann wieder auf
den Boden. Sie ging heraus. Ich dachte sie wäre weg, aber sie
kam wieder und sagte: „Die anderen bleiben sich selbst überlassen,
wir können sie nicht retten“. Wir liefen los, aber ich
konnte nicht so schnell laufen wie sie. Auf dem Weg sah ich, dass
es auch in den Nachbarhäusern viele Polizisten gab. Als wir das
Stadtviertel verließen wurde es hell. Wir gingen in ein Haus
und fanden dort Kleider und Nahrung, aber ich hatte keinen Appetit.
Um Mittag herum verließen wir das Haus und liefen zum Bahnhof.
Prishtina war leiser als jemals zuvor. Es schien als gäbe es
in der Stadt nichts Albanisches mehr. Ich weinte um die Stadt, um
mich selbst und um die Menschen, die dort geblieben waren. Ich weinte
um die Toten und die Lebenden, und ein feiner Regen fiel vom Himmel
als der Zug kam. An dem Tag schien es mir, als würde Prishtina
weinen.
Sie wird für immer verrückt bleiben
An dem Morgen sah man Drita nicht an ob sie einfach
nur ruhig war oder ob sie nach der schweren Nacht schlief. Stundenlang
öffnete sie nicht ihre Augen, obwohl ihre Schwester bei ihr geblieben
war. Sie sprach auch nicht als sie die Augen öffnete. Sie hatte
ihren Blick zum Fenster gerichtet und es schien, als ob sie die Vögel
beobachtete, die vor dem Fenster spielten. An dem Tag versuchte sie
sich nicht zu bewegen. Wahrscheinlich brauchte sie einfach nur Ruhe.
Sie hoffte, die Medizin, die sie am Morgen genommen hatte würde
schnell wirken. Bereits die Nacht zuvor hatte sie die Medizin zu sich
genommen, doch es war eine schwere Nacht voller Schmerzen.
Der besorgte Arzt hatte ihre Familienangehörigen gerufen. Er
zweifelte, ob sie jemals aus dem Alptraum erwachen würde.
Die tiefen Wunden in ihrem zerkratzten Gesicht, die wohl niemals verheilen
würden, und die sonderbar geschnittenen Haare machten jede weitere
Erläuterung über ihr Schicksal unnötig.
Die Verletzungen auf ihren Kopf ließen ihre quellblauen Augen
rauer erscheinen. Sie fühlte sich wie eine Puppe, die zwischen
Leben und Tod hin und her schwingt. Genauso waren auch ihre Worte:
Sie sprach über das Leben und über das Erlebte; doch sie
redete auch unentwegt über den Tod und über viele Dinge,
die wir in dieser Art weder gesehen noch erlebt hatten.
Die Ärztin kam zu ihr und streichelte ihr die Hand. Drita schaute
sie an und Tränen liefen ihr über die Wangen. Ihre Schwester
verließ verzweifelt den Raum, damit sie die weinende Schwester
nicht sehen musste.
„Ich werde niemals eine Mutter sein können, ich werde niemals
Kinder gebären können und ich werde keine eigene Familie
haben“, flüsterte Drita leise zur Ärztin. „Ich
werde nie erleben was Liebe und ein glückliches Leben sind, niemals…
Alles was ich fühle, ist geistige Leere, das Leben ohne Menschen
um mich. Genauso wie jetzt, so werde ich immer mit einem Seil gefesselt
sein. Ich kann die Hände nicht bewegen - und du verlangst von
mir, dass ich mich beruhige? Ich soll weiterleben?“ Drita senkte
wieder den Kopf. „Das ist unmöglich.“ Ihre leise
Stimme erinnerte kaum an die Person, die letzte Nacht weinend, schreiend
und rufend verbracht hatte. So laut, dass man ihre Rufe sogar außerhalb
der neuropsychiatrischen Klinik hören konnte. Jedoch waren ihre
Worte schlimmer als das laute Weinen. Sie sprach von ihrem Kind, das
während ihrer Vergewaltigung getötet wurde. Trotz ihrer
geistigen Umnachtung, spürte sie den Schmerz des Verlustes.
Als niemand mehr damit rechnete, fing sie an, ihre schrecklichen Erlebnisse
zu erzählen: „Sie hielten uns an und zogen uns aus den
Fahrzeugen. Die Schwiegermutter, die ihren ersten Neffen erwartete,
flüsterte mir zu, ich solle keine Angst haben.
Als sie merkten, dass ich schwanger war sagten sie zu mir:
„Alles an Goldschmuck her, wenn du leben willst“. Ich
gab ihnen natürlich alles und als ich nichts mehr hatte sagte
einer von ihnen zu mir:
„Dieses Kind ist auch meines, nicht nur das deines Mannes“.
Ich erwiderte nichts, um sie nicht weiter zu provozieren. Einer von
ihnen kam und sagte, er wolle mich haben, weil er noch nie eine schwangere
Frau gehabt hätte; und eine albanische Schwangere schon gar nicht.
Ich sah, dass er ausgezogen auf mich zu kam und mich verließen
die Kräfte. Ich hielt mich an meine Schwiegermutter fest. Ich
will sie haben, schrie er und befahl zwei Soldaten mich festzuhalten.
Er entblößte meinen Bauch auf und drohte mir, dass Kind
im Bauch zu töten, wenn ich mich nicht hinlegen würde. Ich
hatte furchtbare Angst, schließlich befand ich mich im achten
Schwangerschaftsmonat.
Ich flehte ihn in seiner Sprache an, dass Gott über alles sei
und dass er um Gottes Willen Mitleid haben sollte, aber er schlug
mir heftig auf die Brust. Dann schlug er mir auf den Bauch und ich
fiel bewusstlos zu Boden.
Als ich das Bewusstsein wieder erlangte, bemerkte ich, dass er mich
in Anwesenheit meiner Schwiegermutter und meines Ehemannes vergewaltigte.
Meinen Schwiegervater hatten sie erschossen und meine Schwiegermutter
weinte um ihn.
Mein Peiniger spuckte mich an und als ich versuchte aufzustehen schlug
mir dieser serbische Bastard mit der Gewehrschulterstütze heftig
in den Bauch. Der Schmerz, der mich daraufhin überkam, ist unbeschreiblich.
Seit dem Tag ließen mich der Schmerz und das Schrecken nie wieder
los. Einige Tage später gebar ich in dem Tal von Bllace, aber
das Kind war schon tot. Ich wurde nach Skopje gebracht, da meine starken
Blutungen nicht zu stoppen waren. Dort entfernte man mir die Gebärmutter.
Dies sei, so vergewisserte man mir, der einzige Weg, mich zu retten.
Mein Mann hatte gesagt, dass mein Leben wertvoller sei, aber ich weiß,
dass er nicht mehr mit mir leben kann und mich nicht mehr lieben wird.
Ich habe keinen Grund zu leben. Warum sollte ich mich also beruhigen?“,
sagte sie und fing plötzlich an, nach ihrem toten Kind zu rufen,
dass wegen der Vergewaltigung seiner Mutter durch die serbischen Soldaten
und Polizisten gestorben war. Kein Trost und kein Wort hatten angesichts
ihres Schmerzes eine Bedeutung.
„Er verließ mich und die Kinder“
Die Bewohner von Prishtina begannen zu fliehen, als
das Bombardement anfing. Ich hatte kein Geld und auch keinen Mut.
Die Frau des Hauses, in dem ich wohnte, floh auch nicht, weil sie
schon älter war. Ihren Sohn und seine Frau hatte sie einige Monate
zuvor in die Türkei geschickt. Am ersten Tag der Bombardierung
war ich sehr verängstigt. Da ich weder einen Fernseher noch ein
Radio besaß, wusste ich nichts von all dem, was in der Stadt
vor sich ging, wie die Menschen aus ihren Häusern vertrieben
wurden und was mit Prishtina und ganz Kosova passierte. Nahrungsmittel
hatte ich wenig und ich musste das Essen genauestens einteilen.
In dem Haus, in dem ich war, gab es auch andere Mieter, die jedoch
einen Tag vor der Bombardierung beschlossen hatten zu fliehen. Bevor
sie das Haus verließen, boten sie mir an, mich in ihrer Küche
zu bedienen.
Es war um die Mitte des Monats April als alle Nahrungsmittel zu Neige
gingen und ich war gezwungen von Haus zu Haus zu gehen, damit meine
Kinder nicht verhungerten.
Doch nach einigen Tagen begann der wahre Alptraum. An dem Morgen hörte
ich die Schreie der Hausbesitzerin und das Gebrüll der serbischen
Polizisten. Im selben Augenblick brachen sie die Tür auf und
stürmten herein. Die Kinder fingen an zu weinen und einer der
serbischen Polizisten schloss sie im Badezimmer ein. Die Kinder weinten,
während zwei von den Barbaren mich vergewaltigten und mir das
serbische Kreuz in den Oberarm ritzten. Ich betete, ich möge
in diesem schrecklichen Augenblick sterben.
Die Scham und die Erniedrigung hatten meine Seele bereits getötet.
Ich war Mutter von fünf Kindern, Ehefrau eines Mannes und sie
vergingen sich an mir. Nach einer Stunde gingen die Polizisten und
ich befreite meine Kinder. Sie fragten mich nichts, das älteste
Kind war gerade neun Jahre alt. Aber sie schauten alle auf die Wunde
auf meiner Brust. Kurze Zeit später kam die Hausbesitzerin und
fraget mich in Anwesenheit meiner Kinder: „Haben sie dich vergewaltigt?“.
Ich antwortete nicht, zeigte ihr nur meine Wunde. „Ihr seid
noch gut davongekommen“, sagte sie, „die zwei Nachbarn
haben sie erschossen“. Die serbischen Polizisten kamen am nächsten
Tag wieder. Sie vergewaltigten und misshandelten mich zum wiederholten
Male. Dann schlugen sie meine Kinder. Ich nahm eine Axt und versuchte
einen von ihnen zu töten, aber es war umsonst. Sie serbischen
Polizisten waren zu viert und einer von ihnen schlug mir mit der Gewehrschulterstütze
auf den Kopf. Als ich zur Bewusstsein kam, weinten meiner Kinder über
meinen Körper, weil sie dachten ich sei tot. Nach einigen Stunden
hatte ich genug Kraft gesammelt und wir verließen das Haus und
zogen in einen anderen Stadtteil weiter. Ein altes Pärchen gab
mir Unterschlupf und versorgte meine Wunden. Ich blieb dort bis die
serbischen Kräfte aus Kosova abzogen.
Mittlerweile habe ich gelernt, mich mit meinem Schicksal zu arrangieren,
aber tief im Inneren kann ich das erlebte nicht vergessen. Ende Juni
ging ich nach Deçan zurück. Alles was ich besessen hatte
war nun verbrannt und zur Asche verfallen. Ich richtete ein Zelt im
Hof auf, damit wir vorübergehend einen Platz zum schlafen hatten.
Als mein Mann nach Deçan zurückkam, erzählte ich
ihm von dem, was uns widerfahren war. Er folgte meinen Ausführungen,
sagte aber nichts dazu.
Erst nachdem er meine Alpträume bemerkte, riet er mir, einen
Psychologen zu konsultieren.
„Ich bin nicht der Ehemann, der ich früher war“,
sagte er zu mir.
„Ich weiß, dass das was man dir angetan hat gegen deinen
Willen geschah. Aber auch mir fällt es schwer, mich mit all dem
abzufinden und deine Alpträume erinnern mich immer wieder an
das Geschehene.“
Er wollte noch etwas sagen, aber wir fingen an zu weinen; wir weinten
stundenlang.
Am nächsten Morgen war er nicht mehr im Bett. Er hatte keinen
Brief und keine Worte hinterlassen. Er floh und verließ mich
und die Kinder. Seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen.
Ich werde weiter leben mit den bitteren Erinnerungen, die mehr wehtun
als eine tödliche Gewehrkugel“, sagte zum Schluss die Frau
aus Deçan, die trotz vieler Schwierigkeiten auch heute noch
zu ihren Kindern hält.
Die Erzählung der Kleinen aus Dukagjin
Das kleine Mädchen aus Dukagjin saß am Skënderbeu
- Platz und beobachtete die Passanten. Obwohl es ein heißer
Tag war, nahm die Menschenmenge ständig zu. Es sah ein wenig
aus, als ob das Mädchen versuchte über die Wälder und
Hügel zu blicken, um ihre Heimat Kosova zu sehen.
Hätte ihre Mutter sie nicht gefragt, ob sie etwas essen möchte,
wäre ihr Blick für sehr lange Zeit so verblieben. „Ich
will nichts essen, bitte belästige mich nicht, mein Leben hat
kein Sinn mehr“, sagte sie und biss sich in die Lippe, während
ihr Tränen die Wange hinunterliefen.
Ihre Mutter schaute sie mitleidig an, aber sie brach fast selbst in
Tränen aus. Die unglückliche Mutter schaute auf ihre Tochter,
die zwischen Leben und Tod hin und her gerissen war. Seit sie zehn
Tage lang in den Händen der serbischen Kriminellen und drei Wochen
im Krankenhaus von Tirana verbracht hatte, sah ihr Körper nicht
mehr lebendig aus. Zumindest sah es ihre Mutter so. Gewiss, sie hatte
psychiatrische Hilfe nötig, aber sie bestand darauf nach draußen
zu gehen und stundenlang die Menschen anzustarren. Es war nicht nur
das Anstarren der Menschen, das den Blick der Passanten auf sie lenkte,
sondern auch ihre traumhafte Schönheit. Die Ärzte schrieben
ihr Ruhe, regelmäßige Nahrungsaufnahme und Einnahme einiger
Medikamente vor.
Jeder Versuch, mit ihr über die Geschehnisse im Lager der serbischen
Polizisten zu reden, war nutzlos.
Aber als an diesem heißen Tag zwei kleine Mädchen auf sie
zu kamen und ihr über die langen Haare strichen, huschte ihr
das verloren geglaubte Lächeln über das Gesicht.
Sie strich über den Kopf eines der Mädchen und nahm schließlich
die Hand der anderen und küsste sie auf die Wange. Sie schaute
die beiden einige Minute an, dann liefen ihr wieder die Tränen
über die Wangen.
Die kleinen Mädchen zuckten zusammen, aber sie liefen nicht weg.
Eines der Mädchen wischte ihr die Tränen weg. Die Ärztin
aus dem Krankenhaus setzte sich hinzu und beobachtete die Szene.
„Ich weiß warum du gekommen bist“, sagte das Mädchen
zu der Ärztin. „Was bringt es euch wenn ich mit euch rede?
Warum belästigt ihr mich? Ist es etwa nicht genug, dass auf demselben
Tisch auf dem ich vergewaltigt wurde, drei andere vergewaltigte Mädchen
gestorben sind?“ Mit Tränen in den Augen, fuhr sie fort,
dass sie jede Hoffnung auf ein normales Leben verloren habe. „Alles
was mir bleibt, ist etwas für die Heimat zu tun; für diejenigen,
die durch die dreckige Hand der Shka gestorben sind.“
Als sie das Wort „Shka“ sagte, verkrampfte ihr kleiner
Körper und sie ballte die schwachen Fäuste zusammen. Die
Kleine aus Dukagjin, wie das hübsche Mädchen von den anderen
genannt wurde, wirkte nun noch schmächtiger und zarter.
„Erzähl mir bitte, wie und wann du in die Hände der
Kriminellen geraten bist und wie viele Leute dort mit dir waren“,
sagte die Ärztin, die zuvor das Aufnahmegerät eingeschaltet
hatte.
Die Kleine schaute wieder in Richtung der Wälder von Kosova,
als ob sie dort sehen konnte was passiert war.
Vielleicht versuchte sie auch, die schrecklichen Erlebnisse wieder
ins Gedächtnis zu rufen. Dann sagte sie: „Ich werde dir
deine Fragen beantworten, aber du musst mir versprechen, mich schnellstmöglich
wieder zurückzubringen.“
Das kleine Mädchen atmete tief aus und fuhr dann fort: „Als
die serbische Polizei unser Dorf nieder brannte, floh die ganze Bevölkerung.
Die UÇK versicherte uns, dass wir unter ihrem Schutz stünden
und bestand darauf, dass wir daheim bleiben sollten. Doch wir Frauen
des Dorfes beschlossen die Flucht nach Albanien anzutreten.
In der Nähe von Smolica wurden wir von serbischen Soldaten und
paramilitärischen Einheiten gestoppt. Nachdem sie uns ausgeraubt
hatten, trennten sie uns von der Kolonne. Wir waren nun zu neunt.
Drei Frauen waren jünger als ich, drei älter; unter ihnen
befand sich auch eine schwangere Braut.
Mit der Begründung, sie würden uns einem Verhör über
die UÇK unterziehen, nahmen sie uns mit. Doch dann sperrten
sie uns in einen dunklen Keller. Die schwangere Braut nahmen sie mit
sich. Wir hörten ihre Schreie, wussten jedoch nicht, was mit
ihr passierte. Auf die Schreie folgte ein kurzer Feuerstoss aus einem
Automatikgewehr. Damit wurde ihr Leben beendet. Doch dessen war ich
mir erst drei Tage später bewusst, als ich in den Keller geführt
wurde, in dem die anderen Albanerinnen bereits vor mir vergewaltigt
und misshandelt wurden. Dort zerrissen sie mir die Kleider und fesselten
mich an diesen verdammten Tisch. Ein General Vujic, wie ich auf seiner
Uniform lesen konnte, schändete mich, während ich an Händen
und Füßen gefesselt war. Nach einer fünftägigen
Tortur schaffte ich es meine Hände zu befreien. Mit einer Axt
konnte ich diesen dreckigen General leicht am Arm verletzen. Zur Strafe
wurde ich gefesselt nach draußen gebracht. Dort ließ man
mich im Regen stehen, bis noch weitere serbische Polizisten zu mir
kamen, um mich zu vergewaltigen.
Am nächsten Tag schändeten sie mich auf dem Esstisch, während
drei weitere junge Frauen im selben Raum vergewaltigt wurden. Dann
schnitt man diesen Frauen die Geschlechtsorgane ab. Die Mädchen
erlagen bereits nach kurzer Zeit ihren Verletzungen.
Ich kann mich weder daran erinnern, wann sie von mir abließen
noch, wer mich nach Tirana brachte. Doch so kann ich nicht mehr weiterleben.
Vielleicht wäre es leichter, wenn ich nicht mehr leben würde
und von dieser Erde verschwinden würde. Ich weiß nicht,
wo ich Trost finden soll oder wie ich vor die Augen meines Geliebten,
meiner Familie und meiner Freunde treten soll. Sie alle wissen, was
mit mir passiert ist.
Ich weiß, dass ich deren Unterstützung haben werde, aber
mein Körper ist jetzt schmutzig und dreckig. Mein Leben, wie
es jetzt ist, erscheint mir schwerer als der Tod“, sagte das
Mädchen aus Dukagjin, die ihren Blick wieder in Richtung des
Horizontes von Kosova richtete.
Das Schrecken hört nicht auf
R. S. saß kraftlos und alleine im Stadtpark. Sie
wollte mir niemandem reden und kratzte sich mit ihren Fingern ständig
im Gesicht.
Neben ihr lag ein Messer, nach dem sie immer wieder griff, wenn ihr
jemand nahe kam.
„Komm nicht näher, ich bin voller Schande“, sagte
sie, als ihr Ehemann auf sie zukam. „Ich trage mehr Schande
mit mir, als jeder andere Mensch. Ich bin von serbischen Kriminellen
vergewaltigt worden und das muss ich vor dir, meinen Kindern und allen
anderen eingestehen.“ Während sie das sagte, weinte sie
ununterbrochen.
„Aber warum fliehst du vor mir und vor deinen Kindern?“,
fragte ihr Ehemann die junge Frau. „Wir machen dir doch keine
Vorwürfe.“
Ihre Zwillinge, die die sechste Klassenstufe besuchten, verstanden,
was eine Vergewaltigung war und kannten daher auch den Grund des sonderbaren
Verhaltens ihrer Mutter. Doch auch sie waren hilflos und standen neben
ihrer Mutter.
„Ich würde gerne verschwinden. Ich möchte nicht mehr
weiterleben, damit mir niemand mehr ansehen kann, was mir angetan
wurde“, sagte sie zu ihrem Ehemann. „Du kannst dir nicht
vorstellen wie es ist, zwei Monate lang gefesselt zu sein, während
die Kriminellen sich an dir vergreifen. Ich habe gesehen, wie sie
den Frauen und Mädchen die Fingernägel herauszogen, wie
sie sie schlugen und missbrauchten. Das haben sie auch mir angetan.
Insgesamt waren wir elf Albanerinnen und keine von uns war älter
als 35 Jahre. Zwei Frauen starben. Ich habe genau beobachten können,
wie ihnen die Brüste abgeschnitten wurden. Und ich habe gesehen,
wie die serbischen Polizisten das Blut der Frauen tranken.
Ich sah wie sie eines der Mädchen zwangen nackt zu tanzen, unter
der Versprechung sie würde dann verschont werden. Doch sie massakrierten
sie trotzdem“, erzählte R. S.
Sie wurde drei Tage nach dem Verschwinden der serbischen Kräfte
gefunden, aber sie hatte sich damals geweigert nach Hause zu gehen.
Tagelang blieb sie draußen, denn sie wollte nicht unter Menschen
sein und sich dadurch als Opfer fühlen. Nach einigen Tagen hatte
sie sich zumindest scheinbar ein wenig gefasst.
Auch heute noch lebt sie mit den seelischen Wunden, die wohl niemals
aufhören werden zu schmerzen.
„Ich lebe, doch eigentlich bin ich schon längst gestorben“,
sagt R. S. „leider zählt man mich weiterhin noch zu den
Lebenden. Ich bin nur eine von vielen, über die sich die Kriminellen
lustig gemacht haben. Ich will nicht weiter leben. Diese bitteren
Erinnerungen machen mich wahnsinnig und mein Leben hat sich in eine
Hölle verwandeln. Warum tötet ihr mich nicht? Ich möchte
endlich meine Ruhe haben, denn ich besitze keine Kraft mehr, um so
zu tun, als sei nichts geschehen.
Ich bräuchte noch ein ganzes Leben, um die bitteren Erlebnisse
zu erzählen“, sagte sie verschreckt. Ein Schrecken, der
sich weiter über ihr Leben legt.
Wie viele Morde und Vergewaltigungen gab es während des Krieges?
Je nach Organisation, die die Umfragen über Zahlen
von Vergewaltigungsopfern in Kosova durchgeführt haben, sind
die Ergebnisse unterschiedlich. Die Zahlen variieren zwischen zwei-
und mehreren zehntausend Opfern. Auf Grund meiner Arbeit in der Nichtregierungsorganisation
„Jeta në Kastriot“ [„Das Leben in Kastriot“]
kann ich 2018 Fälle von Vergewaltigungen während des Krieges
bestätigen.
Diese Fälle wurden hierbei nicht nur durch Aussagen, Aufnahmen,
schriftliche und bildliche Beweise dokumentarisch festgehalten.
Auch ärztliche Untersuchungsberichte von Gynäkologen, Infektologen,
Neuropsychiatern wie auch monatliche Berichte und Diagnosen über
den aktuellen Zustand der Opfer mitsamt verordneter Therapie und Medikation
bestätigen und belegen die Vergewaltigungsfälle.
Es handelt sich hier hauptsächlich um junge Frauen im Alter zwischen
12 und 45 Jahren. Mitarbeiter aus unserer Organisation besuchen diese
Frauen mindestens ein Mal im Monat, um den aktuellen Zustand festzustellen.
Außerdem kümmern wir uns um die nötigen Medikamente
für 209 Opfer, die sich in einer schwierigeren gesundheitlichen
Lage befinden. Wir versuchen auf ausländische und heimische Regierungs-
und Nichtregierungsorganisationen Druck auszuüben, um die Notwendigkeit
der Hilfe und Behandlung für diese aus der Gesellschaft ausgeschlossenen
Frauen deutlich zu machen.
Von den insgesamt 24.000 Kriegsopfern während des letzten Krieges
in Kosova waren 31,2 % Frauen. Lediglich 1,3 % dieser Frauen waren
in einem höheren Alter. Die psychischen Probleme der Vergewaltigungsopfer
sind sehr akut und bedürfen einer intensiven psychiatrischen
Therapie.
Gemäß unseren Nachforschungen aus der Nachkriegszeit befanden
sich während des Krieges 62 % der Befragten in akuter Lebensgefahr.
49 % wurden Opfer von Folter oder Missbrauch, 42 % wurden von ihren
Familien getrennt, 26 % haben die Ermordung eines Familienmitgliedes
miterlebt, 10 % waren in Haft und 4 % sind sexuell missbraucht worden.
Unsere NGO hat im Rahmen der Möglichkeiten versucht Hilfe zu
leisten. Doch wir sind uns im Klaren darüber, dass diese Hilfe
nur ein kleiner Bruchteil dessen ist, was die Vergewaltigungsopfer
brauchen.
Da unsere Projekte oft ignoriert werden, möchten wir mit diesem
Buch alle Organisationen aufrufen, diesen Frauen in allen möglichen
Formen zu helfen, um ihnen den Willen zum Leben zurück zu geben.
An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner Co-Leiterin Myrvete
Morina bedanken, die mir eine sehr große Hilfe war. Bedanken
möchte ich mich auch bei unserer medizinischen Abteilung. Während
meiner Arbeit habe ich den schweren seelischen Zustand der Vergewaltigungsopfer
miterleben können. Sie begraben die schlimmen Erinnerungen tief
im Inneren und haben Hemmungen davor, von den sexuellen Misshandlungen
zu erzählen. Die Lage der Vergewaltigungsopfer verschlimmert
sich durch das Schweigen so sehr, dass sogar medizinische Hilfe schwierig
wird. Deswegen müssen diese Frauen ihr Herz öffnen. Dadurch
helfen sie sich selbst am meisten und erleichtern auch den anderen,
ihnen zu helfen. Ich konnte während meiner Arbeit mit diesen
Frauen aber auch während der Arbeit als Journalistin feststellen,
dass es neben den Vergewaltigungsopfer und den Getöteten auch
viele Frauen gibt, die als vermisst gelten. Unglücklicherweise
lassen die Angaben darauf schließen, dass die meisten Frauen
zuerst vergewaltigt und dann ermordet wurden. Daher sollte die internationale
Gemeinschaft im Zuge der Gerichtsverhandlungen hinsichtlich der Kriegsverbrechen
in Kosova bedenken, dass die meisten ermordeten Frauen auch vergewaltigt
wurden.
Der Genozid und die an das Volk von Kosova ausgeübte Gewalt haben
viel größere Ausmaße, als es unsere Forschungen und
Informationen belegen.
Die Autorin, Luljeta Selimi
Rezension: Azem Azemi
Erzählungen, die besorgt und traurig machen
Diesem besonderen Buch mit den schrecklichen Erzählungen
darf man weder ein Vorwort noch ein Nachwort hinzufügen. Die
Berichte sprechen für sich. Sie sind in einer deutlichen Sprache
verfasst und spiegeln die verletzten Seelen der Frauen wieder.
In der Bibel steht geschrieben: „Das Antlitz Gottes wirst du
erblicken, wenn du nicht mehr unter den Lebenden bist“. Auch
diese Frauen haben nichts mehr zu verbergen. Sie haben alle Untaten
erlebt, die ein Mensch oder, besser gesagt, ein Unmensch tun kann.
Sie haben die tiefsten Abgründe gesehen. Daher ist es nicht verwunderlich,
dass sie beharrlich von uns verlangen, dass wir sie auf den restlichen
halben Weg, den des körperlichen Todes, in Ruhe lassen. Sie akzeptieren
lieber den vollständigen Tod als einen halben. Doch in diesem
Punkt sind sie im Unrecht. Lebt denn der Mensch nur für sich?
Haben nicht die meisten von ihnen auch noch Kinder, für die jedes
Opfer berechtigt ist? Ist dieses Buch oder diese Schrift nicht ein
wenig Heilung für sie? Und sind unser Leiden und unsere Scham
nicht eine Erleichterung für sie? Sind wir nicht alle durch ihre
Schändung vergewaltigt worden? Die betroffenen Frauen wissen
das und uns bleibt zu hoffen, dass sie das stärkt. Sie wissen
auch um die seltenen Opfer von gewöhnlichen Menschen, die den
Frauen ein wenig Hilfe zuteil werden ließen, wie z.B. die Familie
aus Peja oder die „junge Ärztin“, die sogar ihr eigenes
Leben riskierte, um einer verwundeten unglücklichen Frau zu helfen.
Dieses Buch zeigt, dass die Opfer nicht vollständig vergessen
wurden. Unsere Schulden gegenüber ihnen sind hoch. An dieser
Stelle muss unbedingt die große Arbeit der Buchautorin Luljeta
Selimi erwähnt werden. Auch in anderen Fällen hat sie durch
ihre unermüdliche und journalistisch investigative Arbeit gezeigt,
dass ihr die tragischen menschlichen Schicksale, besonders die der
Frauen, sehr am Herzen liegen.
Das Tragische liegt darin begründet, dass die Erzählungen
keine Fiktionen sind, sondern das Werk der blutigen Hand von Unmenschen.
Ließt man diese Berichte, wird man von Schrecken, Trauer und
Sorge über das Schicksal der Vergewaltigten ergriffen.
Wie wird es wohl mit den Opfern als Personen und als Gemeinschaft
weiter gehen? Diese Frage wird uns auch in Zukunft begleiten.
Daher ist es notwendig, dass wir alle und unser Gewissen ständig
wachsam sind, weil das Böse immer allgegenwärtig ist und
einem näher ist als das eigene Hemd.
A. Azemi
Vergewaltigungen
Vergewaltigungen sind dem internationalen Recht und
dem Statut des Haager Tribunals nach Straftaten, die unter den Verbrechen
gegen die Menschlichkeit fallen. Dem Statut des Haager Tribunals nach
(Paragraph 5) stellen Vergewaltigungen kriminelle Handlungen dar,
die gegen Zivilisten in bewaffneten Konflikten, in internationalen
wie auch in inneren Konflikten, verübt werden. Eines der schwersten
Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die vom serbischen Regime verübt
wurde, ist die massive Vergewaltigung albanischer Frauen. Diese Form
der Gewalt ist als Kriegsmittel eingesetzt worden und wurde vom serbischen
Staat geplant und in verschiedenen Weisen eingesetzt. In diesen Fällen
kann man nicht nur von einer Verletzung der körperlichen und
geistigen Unversertheit der Frauen sprechen, sondern vor allem von
einer direkten Verletzung der moralischen und geistigen Integrität
eines Volkes. Deswegen wird diese Form der Gewalt nach allen internationalen
Regeln verurteilt. Die von den serbischen Armee- und Polizeikräften
verübten Vergewaltigungen der albanischen Frauen haben einen
erniedrigenden, politischen und racheübenden Charakter. Ziel
war es das albanische Volk moralisch und geistig zu brechen. Die Vergewaltigungen
fallen unter den schwerwiegendsten Kriegsverbrechen während des
Krieges in Kosova. Auf Grund der gewonnen Informationen durch Feldarbeit,
verschiedenen Interviews, Aussagen der Opfer und Zeugenaussagen kommt
man zu dem Schluss, dass sexuelle Misshandlungen in ganz Kosova verbreitet
waren. Sie waren vom serbischen Regime organisiert, geplant und wurden
massiv in brutalster Art und Weise vollzogen.
Frauen aller Altersstufen waren Opfer von diesen kriminellen Handlungen.
Die Mehrheit der Opfer war im Alter zwischen 12 bis 45 Jahren. Die
Opfer hatten verschiedene familiäre Hintergründe und gehörten
verschiedenen gesellschaftlichen Schichten an, so gab es unter ihnen
Minderjährige, Bräute, schwangere Frauen, ältere Frauen,
Dorfbewohnerinnen, Stadtbewohnerinnen, Studentinnen usw. Die Charakteristika
dieser Vergewaltigungen waren folgende:
1. Massiv durchgeführt.
2. In Anwesenheit von Verwandten der Opfer durchgeführt.
3. In verschiedenen Objekten und Lager durchgeführt.
4. Geplant vom serbischen Regime und durchgeführt von den Armee-,
Polizeikräften und paramilitärischen Einheiten, mit politischen
und rachenehmenden Absichten, und mit dem Ziel das albanische Volk
moralisch und geistig zu brechen.
5. Durchgeführt mit einer unerklärlichen Härte in sadistischer,
bizarrer und schrecklicher Art und Weise.
6. In einigen Fällen wurden Opfer nach der Vergewaltigung ermordet,
um die Spuren der kriminellen Handlung zu beseitigen.
7. Vergewaltigt wurden albanische Frauen aller gesellschaftlichen
Schichten.
Es werden verschiedene Zahlen von Vergewaltigungsfällen genannt,
aber es ist sehr schwer die genaue Zahl zu ermitteln, da die Opfer
Konsequenzen für die Zukunft befürchten und da sie Scham
vor den Familienangehörigen empfinden. Meinen in Feldarbeit ermittelten
Daten nach gibt es mindestens 857 vergewaltigte Frauen: von 126 der
Opfer kennt man die Identität, Ort und Zeit der Vergewaltigung
und in einigen Fällen auch die Namen der Täter.
1. 28 Frauen wurden nach der Vergewaltigung ermordet.
2. 8 Frauen wurden von den Tätern nach der Vergewaltigung verschleppt
und ihr Schicksal ist bis heute ungeklärt.
Am Ende muss noch darauf hingewiesen werden, dass sich die meisten
dieser Frauen heute in einer schweren psychischen, wirtschaftlichen
und sozialen Lage befinden. Es ist schwer ihr Schicksal vorauszusehen.
Mentor NEZIRI, diplomierter Jurist.
Postdiplom-Studium in der juristischen Fakultät in Prishtina.
Strafrechtsabteilung
R E Z E N S I O N
Die kosovarische Öffentlichkeit strebt klare Vorstellungen
bezüglich der Folgen von kriminellen Handlungen, die der serbische
Staat während des Krieges (Februar 1998 bis Juni 1999) gegen
die ungeschützte albanische Zivilbevölkerung verübte,
an. Neben der Aufklärung von Mordfällen und das Schicksal
der vermissten Personen hat eine umfassende und genaue Aufklärung
der Vergewaltigungen von albanischen Frauen eine hohe Bedeutung. Der
Autorin, die diese Aufklärung als Notwendigkeit und als menschliche
Verpflichtung empfindet, ist es gelungen, die Thematik der Vergewaltigungen
aus dem Schattendasein zu holen und sie dem Leser durch sehr persönliche
Beschreibungen näher zu bringen.
Diese Berichte ermöglichen sowohl Historikern als auch gewöhnlichen
Lesern einen guten Zugang zur vielschichtigen Problematik der sexuellen
Vergewaltigungen während der Kriegszeit in Kosova.
Sowohl Historiker als auch gewöhnliche Leser haben ein in einfacher
und klarer Sprache geschriebenes Buch vor sich liegen. Luljeta Selimi
zeigt durch dieses Buch ein großes Engagement für die Arbeit
auf diesem Feld.
Prishtina, Januar 2003 Dr.sc. Azem Hajdari
Beamter im hohen juristischen Dienst im Kanzleramt des Ministerpräsidenten
von Kosova
Alle durch dieses Buch erzielten Einnahmen kommen den
Vergewaltigungsopfern zu Gute, indem sie für den Kauf von benötigten
Medikamenten oder als direkte Hilfe für die Opfer eingesetzt
werden.